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Printed 24.01.2021 19:07

Amaro Kher - Mein Zuhause
09-04-2007  Gerald Schubert

Viele glauben, über Roma irgendwie Bescheid zu wissen, sagt die Mediendesignerin Michaela Janoch, und doch hätten die meisten kaum eine Ahnung von ihnen. Den negativen oder auch positiv-romantischen Vorurteilen, die das vorherrschende Roma-Bild prägen, hat Michaela Janoch deshalb ihre Fotos entgegengesetzt. Fotos aus dem Alltag einer Prager Roma-Familie, die sie im Laufe von fünf Monaten angefertigt und nun zu einem Buch zusammengefasst hat.

Michaela Janoch (Foto: Autor) Frau Janoch, Sie sind in Prag geboren, aber in Deutschland aufgewachsen. Wie kam das?

"Ich bin hier 1975 geboren, und meine Eltern sind 1982 nach Deutschland emigriert. Ich bin in Stuttgart aufgewachsen und habe dort die meiste Zeit meines Lebens verbracht."

Jetzt sind Sie im Rahmen Ihrer wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeit nach Prag zurückgekommen: Sie haben hier einen Fotoband gestaltet. Worum handelt es sich dabei konkret?

"Vor zirka einem Jahr bin ich zurückgekommen und habe hier meine Diplomarbeit gemacht. Ich habe in Nürnberg an der Fachhochschule studiert, im Fachbereich Gestaltung und Mediendesign. Nun habe ich einen Bildband über eine Roma-Familie gestaltet, die ich fünf Monate lang begleitet habe. Ich habe sie zuhause in ihrem Umfeld fotografiert und ihr Leben, ihren Alltag dokumentiert."

Roma stehen in den meisten Ländern einer gehörigen Portion Vorurteilen gegenüber, umgekehrt prägt das auch wieder das Bild, das die Roma von der Mehrheitsgesellschaft haben. Ich könnte mir vorstellen, dass es nicht so leicht war, überhaupt einen Zugang zu der Familie zu finden. Wir sprechen immerhin von einem Fotoband. Das heißt, Sie haben sich mehrere Monate lang mit der Kamera in der Hand im Lebensumfeld dieser Familie bewegt. Wie konnten Sie überhaupt das Vertrauen der Familie gewinnen?

"Am Anfang war das wirklich sehr spannend. Ich kannte die Familie ja überhaupt nicht. Gefunden habe ich sie über eine kleine Hilfsorganisation in der Schule im Stadtteil Zizkov. Ich habe zunächst versucht, sie an das Medium Fotografie heranzuführen. Zuerst bin ich ohne Kamera hingegangen, einfach um sie kennen zu lernen. Dann habe ich Polaroid-Aufnahmen gemacht und dort verteilt. Das fanden sie dann auch toll, weil man bei den Sofortbildkameras eben sofort ein Ergebnis sieht. Das hat gut funktioniert. Mit den Kindern gab es überhaupt keine Probleme, und eigentlich auch mit den Erwachsenen nicht. Es war eine Phase der Annäherung - auch um die Intimität zu bekommen, die ich erreichen wollte. Ich habe gezielt die Nähe zu den Leuten gesucht, die sich auch in den Bildern haben wollte. Drei oder vier Wochen lang bin ich immer wieder hingegangen und habe nur mit ihnen gesessen, habe versucht sie näher kennen zu lernen, mich vorzustellen. Sie haben immer wieder gefragt: Bist du Deutsche? Bist du Tschechin? Wer bist du denn überhaupt?"

Wir groß war die Familie?

"Da gibt es eine Mutter, die hat fünf Töchter, und ihren Lebensgefährten. Und den Lebensgefährten der ältesten Tochter. Alle haben zusammen in einer Zweizimmerwohnung gewohnt. Die jüngste Tochter ist fünf, die älteste ist neunzehn."

Wie heißt das Buch?

"Das Buch hat den Titel Amaro Kher. Das ist Romani und bedeutet Unser Zuhause."

Was haben Sie im Zuhause der Roma beobachten können, was besonders interessant oder auch besonders überraschend war?

"Was mir aufgefallen ist und was ich so nicht erwartet hatte, war die Abwesenheit der Männer. Sie waren eigentlich nicht oft zu Hause. Als ich dorthin gekommen bin, hatte der Mann keine Arbeit, aber er hat Metall gesammelt und versucht, es nachher zu verkaufen. So war er von morgens bis abends nicht da. Die Mutter war mit den Kindern meistens alleine. Aber es kam täglich Besuch, von Freunden oder Nachbarn, Klatsch und Tratsch wurden ausgetauscht, die Kinder sind rein und raus gerannt - es war teilweise sehr heiter."

Wenn wir über Roma in großen Städten sprechen, dann kommt der Gedanke an gesellschaftliche Konflikte auf, Fragen von Integration und Integrationswilligkeit und umgekehrt Abweisung durch die Mehrheitsbevölkerung. Wie sollte nach den Erfahrungen, die Sie jetzt gemacht haben, eine gelungene Integration der Roma aussehen - und was steht ihr am meisten im Wege?

"Integration ist ein sehr komplexes Thema. Ihre Umsetzung ist nicht einfach, weil man mit Menschen zu tun hat, und Menschen grundsätzlich unterschiedlich sind. Ich glaube, ein ganz guter Weg, oder wahrscheinlich der einzige Weg, führt über Bildung - vor allem bei den Kindern. Sie brauchen Ausbildungsplätze und später auch sichere Arbeitsplätze, damit sie sich ein eigenes Leben aufbauen und eigenverantwortlich sein können, damit auch ihr Selbstbewusstsein aufgebaut wird. Ich habe gesehen, dass das bei vielen fehlt. Als ich dort gearbeitet habe, sind mir auch Leute über den Weg gelaufen, die gesagt haben: Ich möchte nicht fotografiert werden, weil ich hier nur vorgeführt werde! Es wurde tatsächlich ausgesprochen, dass man sich dafür schämt, Roma zu sein. Ich glaube, dass diese Menschen ein Bewusstsein für die eigene Kultur bekommen sollten, diese Kultur nicht verlieren sollten. Und nicht nur die Roma, auch die anderen sollten sich diesbezüglich bilden. Damit sie sich annähern und nicht nur mit ihren Vorurteilen im Kopf herumlaufen - mit den negativen wie auch den positiven."

Kann man das Buch kaufen?

"Nein, es ist eine Diplomarbeit. Es gibt insgesamt nur vier Exemplare, die ich selbst produziert und finanziert habe. Aber es sind Ausstellungen geplant: Ich bin jetzt in Kontakt mit dem Roma-Museum in Brünn. Und in Nürnberg, wo ich studiert habe, gibt es ein Kulturzentrum, das auch Interesse an einer Ausstellung hat."

www.michaelajanoch.com






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