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„Frauen im Feld“ /Neuer Dokumentarfilm über die Lebenswirklichkeit tschechischer Roma-Frauen
02-06-2011 - Silja Schultheis
In unserer Sendereihe Forum Gesellschaft stellen wir Ihnen heute einen neuen Dokumentarfilm über die Lebenswirklichkeit tschechischer Roma-Frauen vor. „Frauen im Feld“ – so der Titel des Films – zeigt drei Frauen, die ihren von traditionellen Gender-Klischees und sozialem Ausschluss geprägten Weg verlassen. Drei Ausnahmen, durch die man auch viel erfährt über die ‚Regel’, über die Lebenswirklichkeit ‚normaler’ Roma(frauen) in Tschechien, über fehlende Integration und die Wichtigkeit von Bildung. Der Film hatte letzte Woche auf dem Roma-Festival Khamoro Premiere. Silja Schultheis hat ihn sich für uns angesehen und nach der Premiere mit den Protagonistinnen gesprochen.

„Frauen im Feld“ Beifall für den neuen Dokumentarfilm von Markéta Nešlehová. Es ist ein Film, der nahe geht – durch die einfühlsame und trotzdem ungeschminkte Darstellung der Lebenswirklichkeit tschechischer Roma – und durch seine starken Protagonistinnen. Am Beispiel dreier Roma-Frauen geht die Regisseurin Fragen auf den Grund, die in Tschechien seit Jahren diskutiert werden, ohne Ergebnis: Was sind die Gründe dafür, dass immer mehr Roma in den Teufelskreis von schlechten Bildungschancen, Arbeitslosigkeit, Verschuldung geraten? Und wo ist nach Lösungen zu suchen?

Denisa Berousková-Pechová (Foto: Romea) „Die Politik ist hoffnungslos und die gesellschaftliche Realität auch. Wo lässt sich leichter etwas verändern?“ fragt die 29jährige Sozialarbeiterin Denisa, eine der drei Protagonistinnen, am Ende des Films. Sie selbst hat die Erfahrung gemacht: Ohne politischen Willen sind letztlich keine Veränderungen möglich. Denisa möchte deshalb in die Politik gehen – bestärkt durch mehrere Kurse und Seminare zur politischen Bildung - alles im Rahmen eines gemeinsamen Projektes der Heinrich-Böll-Stiftung Prag, der Roma-Frauenorganisation Manushe/Slovo 21 und der Roma-NGO Athinganoi. Ziel des Projektes: Roma-Frauen konkrete Bildungsangebote zu machen, damit sie sich selbst aus ihrer sozialen Situation befreien und andere zu einem ähnlichen Schritt motivieren können. Eva van de Rakt, Leiterin des Prager Heinrich-Böll-Büros:

„Es fehlt eigentlich der Hunger nach Bildung. Und ich glaube, das haben die Frauen sehr gut klargemacht, dass es darauf ankommt, eben auch diesen Hunger nach Bildung zu wecken. Und ich finde es sehr beeindruckend, wie es diesen Frauen gelingt, in ihrer alltäglichen Arbeit in den sozial ausgegrenzten Gebieten Menschen zu motivieren, kleine Schritte weiter zu gehen und vor allem auch Kinder einzubinden in das Schulprogramm und auch Eltern davon zu überzeugen, dass es ganz wichtig ist, dass ihre Kinder in die Schule gehen.“

Aurélie Balážová (links) im Film „Frauen im Feld“ Autorin: Kleine Schritte zu gehen, immer wieder an Grenzen zu stoßen und trotzdem nicht aufzugeben – das verkörpern die drei Hauptprotagonistinnen. Für alle ist Bildung ein ganz entscheidender Schlüssel zur Integration - und alle drei haben einen extremen Ehrgeiz und inneren Antrieb, einen anderen Weg zu gehen als den durch Familie, Tradition und soziales Umfeld vorgezeichneten.

„Eigentlich hätte ich zuhause bleiben sollen, mich um mein Kind kümmern“, sagt Aurélie, 37, heute Sozialarbeiterin. „Aber das Kind wird langsam größer und ich will nicht immer nur am Herd stehen. Ich brauche eine Aufgabe. Und so hab ich entschieden: Wenn der Kleine in die erste Klasse kommt, dann fang ich an, etwas für mich zu tun.“

Autorin: Etwas für sich tun – das bedeutete zunächst einen radikalen Strich zu ziehen unter ihr bisheriges Leben. Ohne die Scheidung und den Bruch mit fest verankerten Gender-Klischees, sagt Aurélie, hätte sie die Ausbildung zur Sozialarbeiterin niemals geschafft. Jetzt will sie auch andere dazu motivieren:

„Wenn ich als Sozialarbeiterin in den Roma-Ghettos unterwegs bin, dann denke ich: wenn ich es geschafft habe, dann können sie es auch schaffen. Es braucht nur Zeit – manchmal brauchen die Menschen einen Spiegel – um klarer zu sehen. Und wenn man ihnen den Spiegel richtig hinhält, kann das ja auch motivieren. Ich glaube, dieser Film ist eine perfekte Motivation. Und Motivation ist sehr wichtig.“

Lucie Horváthová (Foto: Romea) Autorin: Andere zu motivieren, Multiplikator zu sein – ein wichtiger Antrieb auch für die dritte Protagonistin Lucie Horváthová, die in die Politik gegangen ist, zu den tschechischen Grünen.

„Roma-Frauen haben ein enormes Potenzial – sie können der Gesellschaft unheimlich viel anbieten – nicht nur den übrigen Roma, sondern auch der Mehrheitsgesellschaft.“

Vorausgesetzt, die Mehrheitsgesellschaft ist offen dafür – noch sind die Tschechen Lichtjahre entfernt von einer multikulturellen Gesellschaft. Alle Diskussionen um Roma-Integration verlaufen daher bisher in einer Einbahnstraße, beobachtet Eva van de Rakt von der Prager Heinrich-Böll-Stiftung:

Lucie Horváthová im Film „Frauen im Feld“ „Wenn wir zum Beispiel über das Thema inklusive Bildung sprechen, dann ist es hier sehr auffallend, finde ich, dass immer von den Vorteilen der inklusiven Bildung für die Roma-Minderheit gesprochen wird. Es wird überhaupt nicht darüber gesprochen oder argumentiert, dass inklusive Bildung ja auch für die Mehrheitsbevölkerung eine Bereicherung ist. Und da, denke ich, muss noch sehr sehr viel geschehen, weil Erfolge meines Erachtens erst möglich sind, wenn die Mehrheitsbevölkerung versteht, dass es auch in ihrem Interesse ist, dass man die Roma-Mitbürgerinnen und Mitbürger integriert.“

Regisseurin Markéta Nešlehová Autorin: Die wenigen Schritte, die auf politischer Ebene bislang dazu unternommen wurden, seien fadenscheinig, meint Aurélie:

„Die Politiker integrieren uns Roma unheimlich gerne – aber nur auf dem Papier. Sie interessieren sich nur für unsere Probleme, wenn es für sie opportun ist, ganz eigennützig. Und wenn es das nicht ist, dann sehen sie unsere Bedürfnisse gar nicht. Deshalb kommt die Integration nicht voran.“

Besonders augenfällig: Die Diskussion um so genannte inklusive Bildung – das heißt um ein Bildungssystem, das Roma-Kinder nicht mehr kollektiv auf Sonderschulen abschiebt, sondern sie in das tschechische Schulwesen integriert. Inklusive Bildung – das sollte das Flagschiff des tschechischen Vorsitzes der europäischen Roma-Dekade sein. Ende Juni endet der tschechische Vorsitz, passiert ist bislang de facto nichts. Noch immer geht die überwiegende Mehrheit der Roma-Schüler – laut jüngsten Angaben der von der Regierung geförderten Agentur für Roma-Angelegenheiten etwa 25.000 – auf Sonderschulen. Fast noch schlimmer ist, dass viele Roma-Vertreter ihre Beteiligung an dem so genannten Aktionsplan für inklusive Bildung zurückgezogen haben – aus Frust darüber, dass unter dem neuen Schulminister Josef Dobeš alle Ansätze seines Vorgängers Ondřej Liška fallengelassen wurden.

Film „Frauen im Feld“ Neben dem frustrierenden Gefühl, dass sich seit 1989 eigentlich kaum etwas verändert hat auf dem Weg der Roma-Integration, stimmt der Film aber auch optimistisch: Es gibt sie, die Ausnahmen, die Vorbilder, die diesen Weg ebnen helfen. Aurélie:

„Manchmal ist die Idee wichtiger als alles andere – es braucht nur Zeit und mehr Leute, die das nicht als ihre Mission sehen.“



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