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Jugend
26-02-2000

Kindheit und Jugend der Roma-Kinder enden mit der Gründung einer eigenen Familie. Ein Sprichwort der Roma heisst: Setz deine Tochter auf einen Stuhl, und wenn ihre Beine den Boden berühren, ist sie bereit für die Hochzeit.

Die allgemein verbreitete Ansicht, dass Roma-Kinder früher geschlechtsreif sind als Kinder der übrigen Gesellschaft wurde von Daniela Sivakova in der Studie "Anthropologische Erforschung der Zigeuner (Roma) in der Slowakei" im Jahre 1992 widerlegt. Aus unserer Sicht sind nämlich Roma-Kinder im Alter von 14 bis 16 Jahren für die Verheiratung bereit, was durch das niedrige Alter der Heiratenden belegt wird. Es zeigt sich aber, dass diese Bereitschaft eher gesellschaftlicher als biologischer Natur ist. Sobald nämlich ein Roma-Mädchen "erwachsen" wird und in das kritische Adoleszenzalter eintritt, das in unserer Gesellschaft mit Widerstand und Rebellion assoziiert wird, vertraut eine Roma-Mutter, die mehrere Kinder hat, diese Tochter der "Erziehung" des künftigen Ehemanns an.

Die Eltern gaben damit ihre erwachsen werdenden Töchter in die Familien der künftigen Ehemänner, und die Mädchen mussten vorwiegend zum Ehemann nehmen, wer ihnen von den Eltern dazu bestimmt wurde. Oefter waren es die Väter, die die Ehepartner auswählten, doch war dies keine Regel. Roma-Töchter heirateten deshalb nicht aus Liebe, sondern aus Folgsamkeit gegenüber den Eltern. Aufgabe der Töchter war es, gut und mit Bedacht den Ehepartner zu wählen, und so zwei Familien zu verbinden, damit dadurch das Familienprestige gesteigert würde. Eine so vereinbarte Hochzeit konnte nur zwischen Familien zustande kommen, die ungefähr auf gleicher materieller Ebene standen, befreundet waren, und wo beide Väter mit der Hochzeit einverstanden waren.

Natürlich kam auch vor, dass sich zwei junge Leute gegen den Willen ihrer Eltern heirateten, doch war dies immer von Konflikten begleitet. Mehrheitlich waren ihnen die Geschwister bei der Flucht behilflich, und sofern die beiden jungen Leute zusammen eine Nacht verbrachten, war die Hochzeit unvermeidlich. Die Familien sahen ihnen das letztlich meist nach, doch zuvor mussten sie öffentlich bestraft werden als Mahnung für die anderen. Zum Ausschluss aus der Kommunität kam es in solchen Fällen nicht. Ausschluss aus der Kommunität, die höchste Strafe für einen Roma, folgte beispielsweise auf Inzest. Dieses interkulturelle Tabu gilt auch bei den Roma und wird sehr streng geahndet.

Damit zwei junge Leute zusammen leben und Kinder haben konnten, musste nach Vereinbarung der beiden Väter eine Verlobungszeremonie (mangavipen) durchgeführt werden. Beide jungen Leute versprachen sich im Beisein ihrer Eltern und vor weiteren Zeugen gegenseitige Treue bis zum Tod. Der Meister der Zeremonie band ihnen mit einem Tuch die Hände zusammen und goss in die hohlen Hände Wein oder Schnaps ein, den die Verlobten austranken. Heute werden die Hände meist nicht mehr zusammengebunden, sondern nur gekreuzt, und die Verlobten trinken gegenseitig aus der Hand des anderen und küssen sich. Von diesem Moment an werden sie von der Kommunität als Eheleute betrachtet, die gemeinsam leben und Kinder haben können.

Eine standesamtliche oder kirchliche Heirat (bijav) folgte und folgt auch heute noch erst später, manchmal erst nach Jahren, wenn schon Kinder da sind. Ehen wurden für das ganze Leben geschlossen. Trennungen waren äusserst selten und wurden nur bei Unfruchtbarkeit oder Untreue der Frau zugelassen.

Wenn ein Ehepaar nach mehreren Jahren kein Kind hatte, konnte der Mann die Frau verlassen. Unfruchtbarkeit war für die Frauen der Roma die grösste Strafe, denn so konnten sie ihrer wichtigsten Lebensaufgabe nicht nachkommen - eine gute Mutter, und demnach auch Ehefrau, zu sein. So eine Frau stand in allgemeiner Verachtung, und niemand nahm es ihrem Mann übel, wenn er sie verliess. Unfruchtbarkeit wurde als Strafe betrachtet, die aus irgendeinem Grund der Frau zugedacht war. Natürlich existierte allerlei Zauber, um Unfruchtbarkeit zu beseitigen. So sollte beispielsweise eine unfruchtbare Frau Kräuter essen, die auf dem Grab einer Frau gewachsen waren, die bei der Geburt ums Leben gekommen war. Ein weiterer Zauber mit klarer Symbolik bestand darin, dass der Mann seiner Frau ein Ei in den Mund ausblies, die es darauf verschluckte. Frauen glaubten auch an die Kraft des Vollmonds und assen Kräuter, die zu Mitternacht bei Vollmond gepflückt worden waren. Mit dem Wunsch nach der grösstmöglichen Kinderzahl, die sich aus der Notwendigkeit eines Geschlechts ergab, so viele Nachkommen wie möglich zu haben, hängt auch die Inexistenz von Abtreibungen zusammen.

Auch Untreue der Frau war ein Grund, sie zu verlassen. Wenn sie nicht verlassen wurde, musste sie vom Mann wenigstens öffentlich bestraft werden (Abschneiden der Haare, Prügel, ...). Mit der Untreue des Mannes war es anders: sie erhöhte sein Prestige, und manchmal rühmten sich die Ehefrauen auch mit der Untreue ihrer Männer, um ihre Qualitäten hervorzuheben. Die Frage bleibt bestehen, mit wem die Männer ihren Frauen untreu sein konnten...

Wenn eine Roma-Frau sicher war, dass sie schwanger war, teilte sie dies zuerst den anderen Frauen in der Familie mit, erst dann ihrem Mann. Von diesem Moment an musste sie nach den "Regeln zum Schutz der Frucht" leben. Diese waren im Hinblick auf den Glauben, dass verschiedene Unzulänglichkeiten und schlechte Eigenschaften übertragbar seien, sehr streng; die Frau war deshalb vielen Einschränkungen unterworfen. Sie durfte beispielsweise keine körperlich Behinderten sehen, keine "hässlichen" und als magisch betrachteten Tiere (vor allem Kriechtiere), keine Toten usw. Bis im letzten Augenblick jedoch arbeitete sie, und wenn die Zeit kam, alarmierte der Mann die Nachbarn und liess die Hebamme kommen.

Diese spielte eine halb gynäkologische, halb magische Rolle. Bevor sie die Nabelschnur durchschnitt und abband, bereitete sie der Gebärenden einen Zaubertrank gegen die Dämonen, die das neugeborene Kind befallen könnten, manchmal zündete sie vor dem Haus oder Zelt ein Feuer an, um die Geister zu verjagen. Danach folgte die offizielle Taufe, denn bis zu dieser Zeit war das Neugeborene dem Wirken der bösen Kräfte ausgesetzt, nach der Taufe konnten diese dem Kind jedoch nichts mehr anhaben. Als böse Kräfte galten die Seelen von Frauen, die bei der Geburt gestorben waren, oder von Frauen, die ein totes Kind geboren hatten und jetzt ein neues suchten. Zur Verteidigung gegen diese bösen Kräfte (guli daj) dienten verschiedene Gegenstände im Bettchen unter der Decke und ein rotes Band am Handgelenk des Kindes.

Die Taufe (kirvipen) fand und findet wie bei den Nicht-Roma immer in der Kirche statt. Zur Taufe sind Pate und Patin notwendig, die eine sehr wichtige Funktion haben. Oft waren "Gadschos" (Nicht-Roma) darunter, beispielsweise Bauern aus dem Dorf, die als gewisse Garantie galten, dass die Familie nicht Hungers sterben würde, wenn sie in Schwierigkeiten käme. Pate oder Patin gaben dem Kind Krizmo - Gegenstände, die das Kind das Leben lang begleiten sollten. Sie wurden bei besonderen Gelegenheiten gegeben, etwa zu einem runden Geburtstag oder dem ersten Schultag. Durch Patenschaft wurden natürlich auch die Bande zwischen Familien gefestigt.

Bei der Taufe bekam das Kind seinen Namen, generell nach seinem Taufpaten, einem der beiden Eltern oder einem anderen Verwandten. Dies war jedoch nur der Name für den "amtlichen Verkehr" mit der Gesellschaft der Nicht-Roma, das Kind kannte ihn oft gar nicht. Ferner bekam das Kind einen Namen in der Roma-Sprache, der sich von physischen oder psychischen Eigenschaften ableitete (beispielsweise Thulo - dick), von einem besonderen Ereignis, oder der aus verschiedenen Wörtern zusammengesetzt war, die das Kind auszusprechen versuchte. Mit diesem Namen, der sich auch mehrmals ändern konnte, bevor sich einer durchsetzte, wurde das Kind innerhalb der Roma-Kommunität angesprochen. Auch heute noch benützen die Roma manchmal den Namen, unter dem sie offiziell registriert sind, nicht. Es ist schon vorgekommen, dass ein Kind in der Schule überrascht war, wie es von der Lehrerin gerufen wurde, weil es doch anders hiess...



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