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Kindheit
26-02-2000

Nane chave, nane bacht.
Keine Kinder, kein Glück

Sprichwort der Roma

Die Welt der Erwachsenen und die Welt der Kinder waren nicht getrennt. Das Kind lernte von den Erwachsenen, und dank dem Umstand, dass es ständig von vielen Leuten umgeben war, lernte es schnell, soziale Kontakte zu knüpfen. Die Erwachsenen respektierten die Kinder und umgekehrt. Ueber die Erziehung des Kindes wachte die ganze Grossfamilie, und ein gut erzogenes Kind achtete die Familie. Es stellte sich immer mit der Familie vor, aus der es entstammte. Das Kind lernte so, sich voll am gesellschaftlichen Leben in der Gemeinschaft zu beteiligen und ahmte die Aelteren nach. Dabei wusste es jedoch, welches Verhalten seinem Alter entsprach. Von Anfang an wurde das Kind auch von seinen Grosseltern erzogen, die oft nachsichtiger waren als die Mutter.

In der Erziehung gab es einen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. Die Jungen arbeiteten zusammen mit ihren Vätern, die Mädchen mit ihren Müttern. Jedes Kind hatte seine Pflichten. Der Junge lernte das Handwerk des Vaters, indem er ihm half (so musste ein Junge in einer Schmiedefamilie beispielsweise altes Eisen beschaffen und den Blasebalg bedienen). Das Mädchen lernte, eine gute Hausfrau und Schwiegertochter zu werden. Es half der Mutter ferner, sich um die jüngeren Geschwister zu kümmern, Essen zuzubereiten, Handarbeiten auf dem Markt zu verkaufen usw. Vor der Hochzeit durfte ein Mädchen nur in Begleitung seines Vaters, Bruders oder zukünftigen Ehemanns in Gesellschaft gehen (für Jungen galt diese Regel nicht).

Nach der Hochzeit zog eine junge Frau in der Regel zur Familie ihres Ehemanns, wo ihre Erziehung weiterging.

Der Schule der Nichtroma massen die Roma keine besondere Bedeutung bei, was sich leider bis heute nicht geändert hat. Das heisst allerdings nicht, dass sie nicht gebildet sein möchten. Bildung erfreut sich in der Roma-Kommunität grosser Hochachtung, doch umfasst der Begriff anderes und wird Bildung sich anders angeeignet, als es unseren Traditionen entspricht. Bildung wird durch die Weitergabe von Erfahrungen Aelterer erworben, in der Form von Geschichten, Märchen, Mythen, Sprichwörtern, Anekdoten oder Rätseln. Der geistige Reichtum der Roma, ihre Lebensweisheit, Philosophie, Erfahrungen und ethischen Normen sind in ihren Erzählungen enthalten. Ihr "höchstes" Erzählgenre waren Heldengeschichten, allenfalls wurden auch kürzere humoristische oder Geistergeschichten erzählt, am meisten über Erfahrungen mit den Geistern von Gestorbenen, allenfalls auch Geschichten, die nicht für die Ohren der Kinder bestimmt waren.

Schulbildung stand und steht leider in der Werteskala der Roma weit unter dem Bemühen, so viel Geld wie möglich zu verdienen und sich damit wenigstens materiell auf die Stufe der "Gadschos" (Nichtroma) stellen zu können. Auch wenn die Mehrheit der Roma nicht richtig lesen und schreiben kann, kann sie gut zählen und rechnen. Dies ist allerdings auch Ergebnis dessen, dass die Schule ihre unterschiedlichen kulturellen und sozialen Bedingungen nicht respektiert. Die Mehrheit der Eltern ist nicht in der Lage, ihren Kindern im Schulbereich zu helfen, weil sie den Stoff selber nicht beherrschen.

Ein Grund, warum die Kinder der Roma in der Schule schlechtere Leistungen erbringen, liegt auch darin, dass sie nicht in ihrer Muttersprache (d.h. der Sprache, die in ihrer Familie gesprochen wird) unterrichtet werden, sowie die vollständige Absenz einer Vorbereitung im Vorschulalter, die bei Kindern der Nichtroma Selbstverständlichkeit ist. Der aktive und passive Wortschatz der Roma-Kinder ist deshalb im Vergleich zu anderen Kindern deutlich reduziert. Das in Tschechien praktizierte Schulmodell kann diese Unzulänglichkeit nicht beseitigen, und so werden auch intelligente Kinder in Sonderschulen eingeteilt, wo sich ihre Entwicklung verlangsamt und das Problem sich für weitere Generationen reproduziert.



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