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Zahl an Armenghettos in Tschechien steigt
15-10-2015 - Marketa Kachlikova
In Tschechien steigt die Zahl der Armenviertel. Die Regierung hat deshalb nun ein Maßnahmenpaket vorgelegt. Es soll den Städten und Gemeinden helfen, die Probleme an den sozialen Brennpunkten zu lösen.

Foto: Silvie Mikulcová, Archiv des Tschechischen Rundfunks Die Zahl an ghettoartigen Siedlungen hat sich in den letzten zehn Jahren in Tschechien verdoppelt. Dies zeigen die Ergebnisse der jüngsten Analyse des Ministeriums für Arbeit und Soziales. Demnach wohnen 115.000 Menschen, hauptsächlich Roma, ab- und ausgeschlossen in mehr als 600 Armenvierteln. Vor neun Jahren waren es noch 80.000 Einwohner in 300 Problemvierteln. Viele der sozial Abgehängten leben von Sozialleistungen, haben eine niedrige Ausbildung, sind häufig arbeitslos und kämpfen mit Verschuldung. Premier Bohuslav Sobotka verweist auf einen Paradox in Tschechien:

Bohuslav Sobotka (Foto: ČT24) „Die Wirtschaft wächst sehr schnell, die Arbeitslosenrate sinkt rasant, und trotzdem hat die Zahl der Armenghettos und der Gemeinden mit solchen Problemvierteln in den letzten Jahren zugenommen. Dort gibt es Probleme mit der Ausbildung, Arbeitslosigkeit, mit der Wohnqualität, aber auch mit Kriminalität.“

Ein wichtiger Faktor dieses Negativtrends ist laut der Analyse die Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre. Außerdem trügen in einem Drittel der Fälle die Gemeinden und die Immobilienbesitzer Schuld daran. Die Armenghettos seien durch den geregelten Umzug der armen Menschen aus verschiedenen Gemeindeteilen an einen Ort entstanden.

Karel Čada (Foto: ČT24) Eine bedeutende Rolle spielt die Tatsache, dass in den Ghettos schon eine neue Generation herangewachsen sei, die keine Chance besitze, sich aus dem Milieu zu befreien, sagt der Soziologe Karel Čada:

„Diese Generation hat nun wieder Kinder. Das Bildungssystem war aber bisher anscheinend nicht in der Lage, sie auf ein Berufsleben außerhalb der sozialen Exklusion und auf die Durchsetzung auf dem Arbeitsmarkt vorzubereiten.“

Die Zahl der Ghettos wächst, sie sind aber kleiner als früher. Die Menschen ziehen vermehrt in billigere Wohnungen in kleinere Ortschaften. Zugleich ist es dort aber schwerer, Arbeit zu finden oder eine Ausbildung zu machen. Radek Jiránek ist der Leiter der Agentur für soziale Integration:

Radek Jiránek (Foto: Archiv des Regierungsamtes der Tschechischen Republik) „Je kleiner die Gemeinde ist, desto weniger Kraft und Möglichkeiten stehen ihr zur Verfügung, um dagegen vorzugehen. In größeren Städten wird das Problem kleiner, stattdessen verlagert es sich in kleinere Städte und Gemeinden.“

Die Regierung hat in dieser Woche ein Treffen mit Bürgermeistern aus den betroffenen Städten und Gemeinden initiiert. Dabei wurden Unterlagen verteilt, wie die Probleme gelöst und welche Mittel dafür ausgeschöpft werden können. Jiří Dienstbier ist in Tschechien Minister für Menschenrechte:

Jiří Dienstbier (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Die Unterlagen führen alle Instrumente der verschiedenen Ressorts auf, die den Gemeinden helfen können, die soziale Exklusion zu überwinden. Es ist also ein Lösungsangebot in den Bereichen Bildung, Beschäftigung, Sozialdienstleistungen und Kriminalitätsprävention.“

Dienstbier zufolge könnten bis zu zehn Milliarden Kronen (370 Millionen Euro) für diese Zwecke freigestellt werden.

In dieser Woche wurde auch ein neues Konzept für den sozialen Wohnungsbau gebilligt. Die Voraussetzung für eine neue Gesetzgebung in diesem Bereich ist damit geschaffen.



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