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Roma-Generation 2.0: Vom verfolgten Volk zu europäischen Bürgern
12-06-2014 - Silja Schultheis
Die jüngsten Wahlen zum Europäischen Parlament haben rechtsradikalen Parteien, die Hass gegen Minderheiten schüren, einen starken Stimmenzuwachs beschert. Mit über 10 Millionen Angehörigen sind die Roma die größte Minderheit in der Europäischen Union. Das tschechisch-deutsche Projekt „Roma-Generation 2.0: Vom verfolgten Volk zu europäischen Bürgern“ will junge Roma motivieren, aus der Rolle der Diskriminierten auszubrechen und aktiv die Vorteile des vereinten Europas zu nutzen. Ende Mai waren die Teilnehmer des Projekts im Rahmen des internationalen Roma-Festivals Khamoro zu Gast in Prag.

Martina Horváthová (Foto: Archiv Radio Prag) Ein Seminar in der Vertretung der Europäischen Kommission in Prag. 25 junge Roma aus Tschechien und Deutschland diskutieren über die Vorteile der Europäischen Union. Die Jugendlichen sind zwischen 15 und 25 Jahren und kommen aus Prag, Písek und Bruntál, die deutschen Teilnehmer aus Hamburg, Berlin und Freiburg. Das Treffen in Prag ist ihre zweite Begegnung im Rahmen des Projekts „Roma Generation 2.0“. Martina Horváthová koordiniert für die tschechische Organisation „Slovo 21“ das Projekt:

„Ziel dieses Projektes ist es, mit jungen Roma und Nicht-Roma darüber zu sprechen, was es bedeutet, ein aktiver Bürger zu sein. Wir wollen den jungen Menschen Möglichkeiten aufzeigen, wie sie sich engagieren können. Wir Roma haben das Recht, alle Möglichkeiten der EU-Mitgliedschaft zu nutzen – genauso wie alle anderen auch. Roma müssen endlich aufhören, sich selbst zur diskriminierten Minderheit zu stigmatisieren.“

Hamze Bytyci (Foto: ARD) Ein aktiveres, selbstbewussteres Stellungbeziehen junger Roma in der EU wünscht sich auch Hamze Bytyci vom Verein RomaTrial, der Berliner Partnerorganisation von Slovo 21. Bytici lebt seit Anfang der 1990er Jahre in Deutschland, nachdem seine Eltern mit ihm aus dem Kosovo geflohen waren. An der gegenwärtigen Europa-Debatte ärgert ihn, dass sie zu stark um abstrakte Norm-Größen kreise. Statt kulturelle Unterschiede als Bereicherung für das vereinte Europa zu sehen, würde viele Entscheidungsträger eine Lanze für größtmögliche Vereinheitlichung brechen, meint er:

„Wir reden ständig über EU – das ist ja alles vorteilhaft und positiv. Das Leitthema der EU ist doch: Wir sind alle vereint in Vielfalt. Aber eigentlich merke ich doch, was die EU die ganze Zeit macht: Nein, die Gurke hat nur so zu sein, und nein, jenes hat so zu sein. Wenn ich Roma bin aus Deutschland und die anderen sind aus Tschechien, dann sagen wir ja: In der EU sind alle gleich. Wir sind dann eine Sauce, die zusammengemischt wird. Aber das ist das Schlimmste, was man mit unserer Kultur machen kann. Weil es dann ja gar keine Vielfalt mehr gibt.“

Durch Theaterprojekte, Filme und Blogs möchte Hamze Bytyci die Jugendlichen aus dem Projekt „Roma Generation 2.0“ dazu anregen, hörbarer ihre Stimme zu erheben in der Debatte um das gemeinsame Europa.

„Oder einfach die Diskussion ein bisschen anzuregen, dass Menschen, die der Roma-Minderheit angehören, nicht wirklich vom gemeinsamen Europa profitieren. So kann beispielsweise eine junge Frau aus Rumänien immer wieder an irgendwelchen Jugendaustauschprojekten teilnehmen, aber gleichzeitig hat sie in ihrem Dorf in Rumänien immer noch keinen Strom oder fließend Wasser.“

Foto: Europäische Kommission Eben das starke soziale Gefälle und die so unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten der Menschen in Europa seien in der Debatte um Norm-Gurken und Roaming-Gebühren unter den Tisch gefallen, meint Hamze Bytyci. Dafür hätten die großen Parteien bei den jüngsten Wahlen zum Europäischen Parlament einen klaren Denkzettel verpasst bekommen:

„Wir sollten uns eigentlich mit der Frage beschäftigen: Warum wählt Europa so stark rechts? Das ist wichtig. Einerseits ist es ok, wenn ich die Möglichkeit habe, überall zu studieren. Das ist positiv, ich kann das für mich als Vorteil nehmen. Aber wenn ich Familie habe und arbeitslos bin, dann bringt mir die EU nichts. Und die Antwort in Europa darauf ist sehr sehr stark rechts. Weil die Menschen sagen: Nein, das ist alles Quatsch.“

Foto: Gabriela Hauptvogelová, Archiv des Tschechischen Rundfunks Eines der Hauptprobleme für die junge Roma-Generation in Tschechien sind die extrem ungleichen Bildungschancen. Rund ein Drittel aller tschechischen Roma-Kinder zum Beispiel landet auf Sonderschulen für geistig behinderte Kinder und hat damit minimale Chancen auf eine gute Berufsausbildung. Trotz jahrelanger Diskussionen, trotz mehrfacher Rügen seitens der Europäischen Union und Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hat sich an dieser Praxis noch nichts Maßgebliches geändert.

Die jetzige Regierung und insbesondere der Minister für Menschenrechte, Jiří Dienstbier, gibt vielen Roma aber Anlass zur Hoffnung, dass ein ernstgemeinter politischer Wille besteht, die Segregation im tschechischen Bildungswesen abzuschaffen. Gesetze allein seien dafür nicht ausreichend – vor allem in den Köpfen müsse sich etwas bewegen, meint Dienstbier:

Jiří Dienstbier (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Die öffentliche Debatte hierüber wird schwierig werden. Denn es gibt in Tschechien keine Einigkeit über das Prinzip der inklusiven Bildung – weder in der Gesellschaft noch auf politischer Ebene. Es gibt immer noch eine starke Lobby derjenigen, die den gegenwärtigen Zustand lieber aufrechterhalten wollen.“

Statt darauf zu warten, bis sich dieser Zustand ändert, sollten Roma lieber selbst aktiv werden, meint Magdalene Karvanová von der NGO Open society fund. Sie hat im mährischen Ostrava/Ostrau daher eine Kampagne initiiert, die Roma-Eltern ermutigen soll sich dagegen zu wehren, dass ihre Kinder auf Sonderschulen geschickt werden.

Foto: Jana Šustová „Wir wollen, dass Roma-Eltern selber zu Hauptakteuren werden und für bessere Bildungschancen ihrer Kinder kämpfen. Durch unsere Kampagne haben wir es geschafft, ihnen ein größeres Selbstvertrauen zu geben. Als wir vor der Kampagne die Eltern gefragt haben, welchen Beruf sie sich später für ihre Kinder wünschen, haben sie gesagt: Ich weiß nicht, sie werden wohl von Sozialhilfe leben. Und jetzt antworten sie: Mein Kind soll Arzt werden, oder Jurist. Sie haben höhere Ansprüche und werden selbst aktiver.“

Foto: Archiv Radio Prag Vielleicht werden die Kinder dieser Eltern dann einmal ähnlich denken wie Mirek aus Bruntál. Er ist Maurerlehrling im dritten Jahrgang und Teilnehmer am Projekt „Roma Generation 2.0“. Durch das Projekt ist ihm klar geworden:

„Wir Roma wollen, wollen, wollen. Wir wollen dieses und jenes bekommen, aber sind unfähig, es uns selbst zu erkämpfen. Wir müssen lernen, uns durchzusetzen. Und nicht rumsitzen und warten, bis uns irgendjemand etwas gibt. Da können wir ewig warten, wir müssen uns selbst dafür einsetzen.“



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