In Prag wurde gegen Antisemitismus demonstriert
Die Zahl der antijüdischen Ausschreitungen und Angriffe auf jüdische
Institutionen ist im vergangenen Jahr in Europa um 50 Prozent gestiegen. In
Tschechien ist jedoch vor allem dank der Tradition aus der Ersten Republik
der Antisemitismus kaum verwurzelt. Trotzdem initiierten auch dieses Jahr
einige christliche und jüdische Organisationen bereits zum siebten Mal im
Prager Waldstein-Garten eine Versammlung gegen Antisemitismus.
Mit einem Lied eröffnete der jüdische Kantor Michael Foršt die Versammlung.
Viele der Versammelten hatten zuvor am so genannten „Marsch des guten
Willens“ teilgenommen, der sie vom Altstädter Ring durch das Jüdische
Viertel in den Waldstein-Garten geführt hatte. Zu den Rednern gehörten auch
Senatspräsident Přemysl Sobotka und die Vizebürgermeisterin von Jerusalem,
Naomi Tsur, die eine besondere Beziehung zu Prag hat. Sie stammt aus der
Familie von Mordechai Jaffe, der vor 400 Jahren in der Altneusynagoge
gewirkt hatte.
Der Vorsitzende der Föderation der jüdischen Gemeinden, Tomáš Kraus, zog
eine Bilanz antisemitischer Taten in Tschechien im vergangenen Jahr. Es
seien einige Verwüstungen auf jüdischen Friedhöfen verzeichnet worden und
zudem gebe es Webseiten mit antisemitischem Inhalt, so Kraus. Er zeigte sich
aber optimistisch:
„Die Lage ist gar nicht so schlecht. Die Zahlen antijüdischer Taten und
Äußerungen sind 2009 ungefähr auf demselben Niveau gewesen wie zuvor. In
einigen Bereichen liegen die Zahlen sogar niedriger. Im Grunde kann man
sagen, dass die tschechische Gesellschaft nicht antisemitisch ist.“
Und dies stehe im Unterschied zu vielen anderen Ländern Europas, wie der
britische Journalist Tom Gross feststellte. Er befasst sich mit der Analyse
der Medien, vor allem in Großbritannien und in Frankreich. Immer wieder
stoße er dabei auf antijüdische oder antizionistische Karikaturen oder
Beiträge, so Gross.
„Nicht jeder, der antisemitische Karikaturen zeichnet oder Reportagen mit
antisemitischen Passagen macht, will selbst Juden zu nahe treten. Aber
solche Bilder in den Medien schaffen eine Atmosphäre, die gefährlich ist, so
wie wir es aus der Geschichte kennen.“
Auch wenn Tschechien den Worten des Journalisten nach immer noch eine eher
Juden- und Israel-freundliche Insel in Europa ist, sei es wichtig,
rechtzeitig zu reagieren. Dies meint einer der Initiatoren der Versammlung,
Mojmír Kallus von der Internationalen Botschaft Jerusalem (ICEJ):
„Ich mache mir keine Illusionen, wenn ich die Entwicklung im Westen sehe -
den zunehmenden Antisemitismus, insbesondere in der Form von Antizionismus.
Ich meine, dass dies früher oder später auch hierher kommt. Wir wollen eine
seriöse Debatte rechtzeitig führen, sodass die Leute vorbereitet sind und
wissen, wie sie sich gegen diese Propaganda innerlich wehren können.“
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