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Felix Kolmer hat Auschwitz überlebt und spricht dennoch mit Neonazis
28-01-2010 - Christian Rühmkorf
In diesen Tagen wird der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz gedacht. 65 Jahre ist das her. Felix Kolmer – Jahrgang 1922 - war nach zwei Jahren Inhaftierung in Theresienstadt nach Auschwitz transportiert worden. Er ist einer der wenigen Menschen, die das Vernichtungslager überlebt haben. Durch Zufall, Glück und Geistesgegenwart im richtigen Augenblick war er schließlich in das schlesische KZ Friedland gekommen, wo er die Befreiung durch die Rote Armee erlebt hat. Christian Rühmkorf hat den Physiker und Vizepräsidenten des internationalen Auschwitz Komitees Felix Kolmer in seiner Prager Wohnung besucht und mit ihm über die Befreiung vom Nationalsozialismus und über den heutigen Rechtsradikalismus gesprochen.

Professor Felix Kolmer (Foto: eu2009.cz) Herr Professor Kolmer, als 19-Jähriger wurden Sie in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Seit 1944 waren Sie im Vernichtungslager Auschwitz - und haben überlebt. Dank einer glücklichen Fügung und Dank ihrer Geistesgegenwart konnten Sie in das schlesische Konzentrationslager Friedland gelangen. Wie erinnern Sie sich heute an den Tag der Befreiung?

„Das war sehr abenteuerlich. Die deutsch-sowjetische Front stand 40 Kilometer nördlich von unserem Lager. Zwei Monate lang hat sie sich nicht gerührt. Jeden Tag hörten wir die Kanonenschüsse. Die Kanonenschüsse hatten eine sehr schöne Melodie für uns. Es war eine Symphonie der kommenden Freiheit – vielleicht aber auch des kommenden Todes – das haben wir nicht gewusst. Aber trotzdem waren sie eine Lösung. Das Lager war in dem Gebiet von Deutschland, wo die deutsche Wehrmacht den Kampf nicht aufgegeben hatte. Und die Sowjets haben auch weiter gekämpft. In der Nacht vom 9./10. Mai hat die sowjetische Luftwaffe eine elektrische Anlage im Lager bombardiert. Und als wir gesehen haben, dass der Strom am Zaun unterbrochen worden waren, sind von den 600 Leuten 200 geflüchtet. Ich gehörte zu den 200 Flüchtlingen. In dieser Nacht sind wir über die Front gegangen. Das war ein großes Risiko. Denn in der Nacht ist jede ´Kuh´ schwarz, und wir haben gefürchtet, dass die sowjetischen Soldaten nicht erkennen würden, dass wir befreite ehemalige Häftlinge waren. Aber den meisten ist es gelungen, und wir kamen zu den Sowjets. Und mit der sowjetischen Armee sind wir am nächsten Tag wieder nach Friedland zurückgekommen. Dann waren wir frei, endlich frei.“

Foto: ČTK Gestatten Sie mir einen Sprung in die Gegenwart. Sie sind später ein weltweit anerkannter Professor für Physik geworden. Sie engagieren sich aber auch intensiv gegen das Vergessen: Sie sind Vize-Präsident des internationalen Auschwitz Komitees. Sie gehen aber auch in die Schulen und sprechen mit den jungen Leuten, und zwar in Deutschland und in Tschechien. Wie begegnen diese jungen Menschen Ihnen und Ihrem Schicksal?

„Ich habe gute Erfahrungen gemacht. Ich gehe meistens in die deutschen Schulen. In die tschechischen Schulen gehe ich nur sehr selten, weil ich das den anderen überlasse, die nicht Deutsch oder andere Sprachen können. Diese Menschen sollen also in tschechische Schulen gehen, und ich gehe lieber in deutsche Schulen, wenn mich jemand einlädt. Und das ist sehr oft der Fall. Aber es sind nicht nur die Schulen, es sind manchmal auch Orte, an denen die Neonazis bei den Wahlen oder nach den Wahlen den ´Kopf´ mehr gezeigt haben. So bin ich von Oberbürgermeistern oder der Gesellschaft für politische Bildung eingeladen worden, um Vorträge zu halten. Wie zum Beispiel in Wernigerode in Sachsen-Anhalt oder in Butzbach in Hessen oder einmal in Würzburg an der Universität in dem extrem-nationalistischen Studentenverein, also der Burschenschaft ‚Alemannia’.“ Aber mit den jungen Leuten ging es eigentlich immer. Auch mit den Neonazis in Wernigerode. Ich habe sie dann in den deutschen Schulen getroffen…“

Die Neonazis kamen in die Schule?

Illustrationsfoto „Ja, die Neonazis waren auch Schüler. Aber ich muss sagen, sie haben auch ganz vernünftige Fragen gestellt, und ich konnte auch vernünftig darauf antworten. Also es gab keinen Zwischenfall zwischen den Neonazis und mir, und da war ich sehr überrascht.“

Der Rechtsradikalismus tritt hier in Tschechien in den letzten Jahren doch immer lauter in Erscheinung. Die tschechische Regierung versucht jetzt zum zweiten Mal, die „Dělnická strana“ - die rechtsradikale Arbeiterpartei verbieten zu lassen. Ist das Ihrer Meinung nach der richtige Weg, den der Staat einschlägt?

„Ich glaube schon. Ich kenne nicht die Gesetze, aber vielleicht sind die Gesetz zu schwach, und das ist Sache des Parlamentes. Das muss man auch überprüfen…“

Aber ein Parteienverbot – wie stehen Sie dazu?

„Ich glaube, es geht. Denn die Neonazis verletzen das Gesetz. Sie schreien Naziparolen. Sie zeigen auf ihren Fahnen das Hakenkreuz. Und die Polizei steht immer dabei und greift aber nicht ein, weil sie – jetzt spreche ich von der Vergangenheit – sich gedacht hat, es ist noch nicht das Gesetz gebrochen worden. Aber es wurde schon mehrmals gebrochen und sie haben nicht eingegriffen. Jetzt ist es ein bisschen anders. Jetzt werden die Polizisten in dieser Sache mehr tätig. Deshalb glaube ich, dass in diesem Falle die Situation jetzt besser ist als sie früher war. Aber das erste Gesuch, das in Sachen Parteiauflösung dem Gericht übergeben wurde, das war von Innenminister Langer sehr schlampig gemacht worden. Er hätte mehr aufpassen sollen, was man ihm da vorgelegt hat und zwar bevor er es an die Regierung weitergab und bevor die Regierung es an das Gericht weiterleitete.“

Blicken Sie optimistisch in die Zukunft, was den Umgang mit Rechtsradikalismus betrifft? Glauben Sie, dass die Gesellschaft stark genug ist, sich dagegen zu wehren?

„Das hängt von der sozialen Lage ab. Wenn es den Leuten schlecht geht, dann neigen sie mehr zum Radikalismus – zum rechten oder linken, das ist ganz egal. Und es ist Zufall, ob sich der Radikalismus dann auf der rechten Seiten oder auf der linken Seite äußert. Wer also den größeren Mund hat – um nicht den Ausdruck ´Maul´ zu verwenden, der gewinnt. Also die Hauptsache ist, dass es den Leuten besser geht. Und jetzt herrscht gerade ein Zustand, der nicht ganz gut ist, weil sehr viele Leute ohne Arbeit sind. Das war auch der Fall in Deutschland, wo ich die Vorträge gehalten habe. Es war eine Gegend, wo sehr viele Leute keine Arbeit gehabt haben. Also das geht immer Hand in Hand. Wenn die Krise dann vielleicht überwunden sein wird, vielleicht wird dann die Gefahr geringer.“

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