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Roma-Festival Khamoro - multikulturelles Samenkorn im Prager Boden
03-06-2007 - Thomas Kirschner
Zum bereits neunten Mal hat in der vergangenen Woche in Prag das internationale Roma-Festival Khamoro stattgefunden - nach Angaben der Veranstalter das inzwischen größte Festival seiner Art weltweit. Die Sonne - Khamoro - hat dem Festival ihren Namen gegeben, und im Zeichen des Sonnen- oder Wagenrades, des traditionellen Symbols des fahrenden Volkes, hat sich in der tschechischen Hauptstadt sechs Tage lang Roma-Kultur aus ganz Europa ein Stelldichein gegeben.

Khamoro (Foto: CTK) Roma-Kultur, das ist vor allem anderen die Musik, und Musik stand auch beim neunten Jahrgang von Khamoro im Mittelpunkt. In sechs Tagen traten Bands aus zehn europäischen Ländern und eine Formationen aus dem Roma-Mutterland Indien in Prag auf - die Spanne reichte von Gypsy Jazz bis hin zu traditioneller Folklore. Khamoro will sich aber keineswegs auf die Musik beschränken, so Co-Organisatorin Martina Horvathova:

"Der Grundgedanke von Khamoro ist, einen Raum zu bieten für die Präsentation von Höhepunkten der Roma-Kultur überhaupt. Damit wollen wir dazu beitragen, einen Dialog zwischen der Roma-Minderheit und der Mehrheitsgesellschaft anzuknüpfen - das Festival soll ein Samenkorn sein für die Entwicklung einer funktionierenden multikulturellen Gesellschaft."

Bis dahin ist es in Tschechien noch ein gutes Stück Arbeit. Die geschätzt 250 - 300.000 tschechischen Roma leben meist am Rand der Gesellschaft, sind häufig arbeitslos, sozial schwach und schlecht gebildet. Dass es aus diesem Milieu kaum ein Entkommen gibt, dafür sorgen nicht zuletzt Vorurteile und Abgrenzungen auf beiden Seiten. Kultur könnte da ein Mittel sein, die Menschen zusammenzuführen, die starren Fronten aufzuweichen. Grenzen überschreiten, das gehört überhaupt seit jeher zu der Idee des internationalen Festivals, so Martina Horvathova:

Khamoro (Foto: CTK) "In diesem Jahr haben wir zwei Tage des Festivals den Sinti und Roma gewidmet, die in Deutschland leben. Jedes Jahr richten wir den Fokus auf ein bestimmtes Land - diesmal ist Deutschland an der Reihe."

Den Auftakt machte deshalb diesmal das Titi-Winterstein-Ensemble aus Deutschland, gefolgt von einem Vortrag über Geschichte und Gegenwart der deutschen Sinti und Roma.

"Daneben gibt es noch eine Ausstellung mit Werken der Künstlerin Katarzyna Pollok, die derzeit in Deutschland lebt. Sie macht sehr interessante Bilder und Statuen, in denen sich die indischen Wurzeln der Roma wieder finden, und zugleich auch Elemente aus den Kulturen, denen die Roma auf ihrem Weg um die Welt begegnet sind."

Katarzyna Pollok (Foto: www.katarzynapollok.de) Wie überbunte orientalische Seidentücher wirken die Gemälde der in der Ukraine geborenen Katarzyna Pollok - fein getupfte unentwirrbare Ornamente, in denen sich Jüdisches und Christliches, Popkultur und fernöstliche Weisheit umschlingen:

"Heute gibt es viel Konflikte, und die haben mit verschiedenen Kulturen und verschiedenen Religionen zu tun. Meine Konzeption war, gezielt Symbole aus verschiedenen Kulturen und Religionen zu nehmen und die miteinander zu kombinieren. Dann entsteht so etwas wie Patchwork-Kunst - Romani Art nenne ich das."

Eine ganz andere Ausstellung widmet sich im Ethnographischen Museum im Prager Kinsky-Garten den vergessenen und verschollenen Handwerken, die die Roma in Tschechien und der Slowakei traditionell ausgeübt haben. Direktorin Jirina Langhammerova konnte dabei auf Stücke zurückgreifen, die der slowakische Sammler Jan Rac in langen Jahren zusammengetragen hat:

"Mit feinem Gespür hat er - vielleicht im letztmöglichen Augenblick - in den traditionellen Roma-Familien wunderbare Gegenstände gesammelt, die auch mit Blick auf die Gestaltung von großer Kultur zeugen. Da sind zum Beispiel große hölzerne Teigtröge oder riesige geschmiedete Kessel - Dinge, die nicht nur für sich genommen schön sind, sondern zugleich auch für einzigartige handwerkliche Traditionen stehen, die schon längst verschwunden oder nur noch ganz selten zu finden sind."

Khamoro (Foto: CTK) Neben historischen Flechtarbeiten, Schnitz- und Schmiedewaren darf ein klassisches Roma-Handwerk natürlich nicht fehlen: Bei der Ausstellungseröffnung konnten sich die Besucher von drei Wahrsagerinnen die Zukunft vorhersagen lassen. Abseits davon liegt die Exotik bei der Ausstellung aber eher in besonderen Details - aber gerade das ist für Jirina Langhammerova das Zentrale - der Beleg nämlich, dass die Roma in Tschechien zu Hause sind:

"Wir freuen uns, dass wir mit dieser Ausstellung daran erinnern können, dass die Roma auch hier leben, dass die Erzeugnisse im Grunde die gleichen sind, so wie die Menschen im Grunde die gleichen sind - nur dass die unterschiedlichen Ethnien den Dingen ihre eigene Form, ihren eigenen Duft geben, und das ist daran so schön."

Dieser eigene Duft, die Besonderheit des Roma-Handwerks, erklärt Jirina Langhammerova, liegt zum Beispiel in den Ornamenten oder auch ganz schlicht in der Größe der Gegenstände:

"Weil die Roma in größeren Gemeinschaften gelebt haben, brauchten sie auch größeres Kochgeschirr - bei den Tschechen ist das etwas kleiner. In solchen Details liegen die Unterschiede, und vielleicht auch bei den Verzierungen, wo sich eine gewisse Exaltiertheit finden lässt."

Khamoro (Foto: CTK) Auf eine neunjährige Tradition blickt das Roma-Festival Khamoro inzwischen zurück - aus kleinen Anfängen ist eine Großveranstaltung geworden, die immer mehr Zuschauer und auch Mitstreiter anzieht. Geblieben ist in jedem Jahr jedoch ein doppeltes Ringen - das Ringen um Geld, um das Festival zu finanzieren, und das Ringen um mehr Achtung gegenüber Roma und ihrer Kultur. Das hat bereits im Jahr 1999 am Anfang des Festivals gestanden, erinnert Co-Organisatorin Martina Horvathova:

"Die heutigen Veranstalter hatten damals ein Konzert zur Unterstützung für Sarajevo organisiert, das damals nach dem Jugoslawienkrieg in Trümmern lag. Unter anderem hatten sie auch eine bekannte Roma-Band eingeladen, und da ist es dazu gekommen, dass der Tontechniker ihren Auftritt absichtlich sabotiert hat. Das war der Impuls für dieses Festival, das nur Roma gewidmet ist und wo solche Dinge ausgeschlossen sind."

Das positive Miteinander von Minderheit und Mehrheit - was im tschechischen Alltag nur selten gut geht, scheint auf dem Festival Khamoro zu funktionieren. Martina Horvathova:

"Das Publikum wird immer größer - sowohl die Roma, als auch die Nicht-Roma nehmen zu. Die Konzerte sind eine gute Gelegenheit, ein wirklich gemischtes Publikum zu sehen, wo Roma und Nicht-Roma miteinander tanzen - Leute, die sich gar nicht kennen, und was sie verbindet, das ist gerade die Kraft der Musik und der Emotionen, die die Musik hervorruft."



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