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Roma-Viertel werden immer mehr zu sozialen Brennpunkten
14-09-2006 - Silja Schultheis

Die Lebenssituation der Roma in Tschechien ist noch alarmierender als bislang befürchtet. Laut einer neuen detaillierten Analyse gibt es inzwischen über 300 Roma-Armenviertel im ganzen Land, 90-100 Prozent der hier lebenden Menschen sind arbeitslos, die Verschuldung der Familien erreicht zum Teil bedrohliche Ausmaße und Drogenabhängigkeit wie Prostitution sind eher die Regel als die Ausnahme. Warum diese Enklaven entstanden sind, wie das Leben hier aussieht und welche Lösungsmodelle gegenwärtig in Tschechien diskutiert werden - das erfahren Sie jetzt in einer neuen Ausgabe der Sendereihe "Forum Gesellschaft" von Silja Schultheis.

Bis zu 80.000 Roma wohnen nach einer neuen Studie des Soziologen Ivan Gabal von der Gesellschaft GAC in sozial ausgeschlossenen Vierteln oder Häusern. Das ist etwa ein Drittel aller Roma, die insgesamt in Tschechien leben. Die meisten Armenviertel, sind in den letzten zehn Jahren entstanden, erinnert Gabal:

"Der Hauptgrund dafür war die massive wirtschaftliche und soziale Transformation, die die tschechische Gesellschaft in den letzten 15 Jahren durchgemacht hat. An den Roma, die bereits zuvor zu den sozial Schwächeren gehörten, ist diese Transformation vorbeigegangen. Während die tschechische Gesellschaft sich immer weiter entwickelte, erlebten die Roma das Gegenteil und sanken allmählich auf die unterste soziale Stufe."

Die Roma-Armenviertel befinden sich überwiegend in den ohnehin strukturschwachen Regionen Nordböhmens und Nordmährens. Aber - auch mitten in Prag, zum Beispiel im Stadtteil Karlin.

Das sei ein furchtbares Loch hier, niemanden interessiere, was hier, in Prag 8 passiere - sagt eine junge Roma-Frau auf dem Spielplatz am Karliner Platz. "Auf eine Sozialwohnung muss man hier 20 Jahre lang warten."

Ihre beiden Freundinnen ergänzen:

"Die Hälfte der Häuser hier ist schön modernisiert und die andere wird völlig vernachlässigt. Da, wo die Zigeuner wohnen, kümmert sich niemand um Modernisierung, diese Häuser sind in heruntergekommenem Zustand und wurden zum Teil noch nicht von den Schäden des Hochwassers im August 2002 bereinigt. "

Ivan Gabal Karlin ist einer der sechs Prager Bezirke, in denen sich regelrechte Viertel oder Wohnblöcke sozial Ausgeschlossener Roma gebildet haben. 2000-2500 Roma leben hier laut der neuen Studie in zwei benachbarten Wohnvierteln, manchmal wohnen mehrere verwandte Familien auf engstem Raum zusammen. 80 Prozent der hier lebenden Roma sind arbeitslos. Zum Vergleich: Die Stadt Prag hat insgesamt eine Arbeitslosenquote von 3,6 Prozent. Die Roma-Kinder in Karlin gehen zumeist in Sonderschulen und haben danach minimale Berufsperspektiven. Zumeist kopieren sie nach der Schule das Lebensmodell ihrer von Sozialhilfe abhängigen und häufig hoch verschuldeten Eltern. Wegen offen stehender Rechnungen müssen sie ständig damit rechnen, ihre Wohnung zu verlieren. Wegen steigender Mietpreise - das ehemalige Arbeiterviertel Karlin etabliert sich allmählich zum Trend-Bezirk - ziehen immer mehr Roma in andere Stadtteile oder ganz aus Prag weg. Um dann regelmäßig zu Besuch in ihr früheres Wohnviertel zu kommen.

Er komme hierher, um Freunde und Verwandte zu treffen, sagt ein junger Vater. Außerdem gebe es dort wo er wohne, an an der Palmovka, einige Metrostationen von hier entfernt, keinen solchen Spielplatz. Also komme er mit Frau und Kind hierher.

Sie wohne jetzt in Usti nad Labem, erzählt eine junge Frau mit Kind. Hier in Karlin sei es besser, lebhafter als dort. Sie komme sehr häufig hierher.

Auch aus anderen Prager Stadtteilen kommen ganz Familien mit ihren Kindern täglich in den Karliner Park.

Die Roma-Armenviertel werden immer mehr zu akuten sozialen Brennpunkten. Was tun mit dieser Situation? Einig sind sich alle darüber, dass die Probleme auf lokaler Ebene gelöst werden müssen. Denn während die Regierung sich für die Integration der Roma einsetzt, sind die Gemeinden oft hauptverantwortlich für deren zunehmende Ghettoisierung. Um das künftig zu verhindern, sollten die Gemeinden stärker in die Pflicht genommen werden, fordert der Rat für Roma-Angelegenheiten der tschechischen Regierung. Doch das sei längst nicht alles. Jana Horvathova, Mitglied des Rates und Direktorin des Brünner Roma-Museums:

Jana Horvathova "Vor allem empfehlen wir, dass sich das Kabinett um systematische Änderungen im Bereich der Bildungs- und Beschäftigungspolitik bemüht. Das gegenwärtige Bildungssystem reproduziert die soziale Ausgrenzung der Roma. Wir fordern daher, dass sich die Regierung um die Integration von Roma-Kindern kümmert. Weiter fordern wir, dass Langzeitarbeitslose künftig besser motiviert werden, Arbeit zu suchen. Und wir wollen, dass Betriebe mit über 25 Beschäftigten per Gesetz die Auflage erhalten, einen arbeitslosen Rom einzustellen - eine ebensolche Auflage müssen Betriebe ja bereits im Fall von Behinderten erfüllen."

Forderungen, die der Rat für Roma-Angelegenheiten in ähnlicher Form seit Jahren vorbringt. Dass das Ministerium für Arbeit und Soziales sich erst jetzt um eine genaue Analyse der Situation gekümmert hat, hat nach Ansicht von Ivan Gabal einen ganz praktischen Grund:

"Es gab ein klares finanzielles Motiv: die Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds, die das Ministerium für Arbeit und Soziales effektiv dafür nutzen will, das Problem der sozial Ausgeschlossenen zu lösen. Und ich denke, das hat auch den Ausschlag für die Entscheidung gegeben, die Situation gründlich analysieren zu lassen."

Die Aussicht auf bis zu 2,6 Milliarden Kronen aus dem Europäischen Sozialfonds (für den Förderzeitraum 2007-2013) birgt für den Roma-Rat die Hoffnung in sich, dass jetzt ernsthaft Maßnahmen in Angriff genommen werden. Die von Gabal und seinem Team vorgelegte Studie hat dazu den entscheidenden Impuls geliefert, glaubt Jana Horvathova:

"Nach langer Zeit haben wir jetzt erstmals objektive wissenschaftliche Erkenntnisse, die sich schwer wegdiskutieren oder anfechten lassen."

Auch der Menschenrechtsbeauftragte der Regierung, Svatopulk Karasek, ist optimistisch, dass mit Hilfe der Studie von GAC jetzt endlich ein Durchbruch in der Lösung der Roma-Problematik gelingt:

"Diese Analyse könnte einen neuen Start bedeuten und alle Ressorts können das als Grundlage für einen gemeinsamen Fortschritt nehmen."

Allein mit Zusammenarbeit auf Regierungsebene ist es aber nicht getan, so Karasek. Jetzt sei es endlich an der Zeit für eine komplexe Herangehensweise:

"Es ist nicht nur die Sache der Regierung, sondern es geht um eine Zusammenarbeit zwischen Europa, der Regierung, den Landkreisen, den Dorfgemeinden und den Roma selbst. Wenn diese Zusammenarbeit funktioniert, dann kann man etwas tun. Aber wenn eine dieser Säulen fällt, gerät das ganze Gebäude ins Wanken."

Und dann könnte die Situation möglicherweise bald auf ähnliche Weise explodieren wie unlängst in den französischen Vororten, befürchtet bereits manch einer in Tschechien.

www.gac.cz
www.esfcr.cz/mapa/index.html



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