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Roma-Verfolgung im Protektorat
05-11-2005 - Katrin Bock

Wie Sie bereits in unseren Programmen hören konnten, sorgt der südböhmische Schweinezuchtbetrieb in Lety seit Jahren für Schlagzeilen. Nicht etwa, weil Tierschützer gegen diese demonstrieren, sondern weil genau an dieser Stelle während des Protektorats ein so genanntes Zigeunerlager existierte, in dem über 300 Menschen umkamen. Vor kurzem beschäftigte sich eine internationale Konferenz in Prag mit diesem Thema. Im nun folgenden Kapitel aus der tschechischen Geschichte können Sie hören, was Katrin Bock zum Thema Roma-Verfolgung im Protektorat erfahren hat.

Lety bei Pisek Lediglich 563 der 6.500 in Konzentrationslager deportierten Roma aus dem Protektorat Böhmen und Mähren überlebten den Zweiten Weltkrieg. Doch bis vor einigen Jahren war das Thema Roma-Genozid in Tschechien unbekannt - wohl auch deswegen, weil es nicht gerade ein rühmliches Kapitel in der tschechischen Geschichte darstellt. Dies änderte sich erst 1995, als der damaligen Präsident Vaclav Havel im südböhmischen Lety bei Pisek eine Gedenkstätte einweihte. Auf dem Gelände des damaligen Lagers steht allerdings bis heute eine Schweinezucht. Auch im mährischen Hodonin bei Kunstat erinnert lediglich eine kleine Gedenkstätte an die Leiden der Lagerinsassen. An Stelle des ehemaligen Lagers steht heute eine Erholungsanlage - in der einzigen, noch existierenden Holzbaracke von damals befindet sich eine Kneipe.

Mitte Oktober lud die Heinrich-Böll-Stiftung, in Zusammenarbeit mit dem tschechischen Komitee für die Entschädigung von Opfern des Roma-Holocaust und dem Zentralrat der deutschen Sinti und Roma zu einer Konferenz über den Umgang mit dem Völkermord an Sinti und Roma ein. Mich interessierten dabei nicht so sehr die gegenwärtigen Diskussionen, sondern die Geschichte der Roma, die gar nicht so einheitlich ist, wie sie zu sein scheint. Denn vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in den Böhmischen Ländern nicht nur Roma, sondern auch Sinti, wie Cenek Ruzicka vom Komitee für die Entschädigung von Opfern des Roma-Holocaust erläutert.

"Vor ungefähr 600 Jahren, als die Roma ungefähr nach Europa kamen, ist eine Gruppe, die aus Ägypten kam, in Deutschland geblieben. Ein kleiner Teil dieser Gruppe ist allerdings weiter gezogen und ließ sich in Böhmen nieder. Und diese Sinti haben auch hier Deutsch gesprochen. Dass diese beiden Gruppen verwandt sind, zeigen einige Aspekte ihrer Kultur. Das ist bisher wenig bekannt und Historiker sollten mehr darüber forschen."

Die Sinti, die in den überwiegend deutsch besiedelten Grenzregionen Böhmens durch die Lande zogen, wurden gleich nach dem Münchner Abkommen im September 1938 von den Nationalsozialisten verfolgt, wie Jana Horvathova vom Roma-Museum in Brno-Brünn erläutert:

"Sinti lebten bei uns und zogen ebenso herum wie die böhmischen Roma. Nach München 1938 und auch nach dem Anschluss Österreichs kamen Roma und Sinti aus diesen Gebieten, in denen sie bedroht waren, ins Landesinnere. Es gibt Artikel in damaligen Zeitungen darüber, dass zum Beispiel tausende Roma an der Elbe auftauchten - und das waren gerade die Sinti, die vor Hitler flüchteten. Sie hatten hier aber keine Wurzeln, und der Öffentlichkeit hat diese Zunahme der Roma überhaupt nicht gefallen."

Tschechische Behörden gingen damals sogar soweit, die ungebetenen Gäste wieder über die Grenze zurück zu schicken. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die so genannte Resttschechei im März 1939 waren auch die tschechischen Roma direkt bedroht.

"Im Protektorat wurde im November 1939 das Herumziehen verboten. Wer sich bis Ende Januar 1940 nicht niedergelassen hatte, wurde in Arbeitslager gesteckt, die zunächst für so genannte Arbeitsscheue eingerichtet wurden - darunter waren Tschechen und auch einige Roma."

In der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 1940 befanden sich viele Romafamilien in einer unlösbaren Situation: einerseits mussten sie sich niederlassen, andererseits weigerten sich die meisten Gemeinden sie aufzunehmen. Die Situation musste das Innenministerium lösen, indem es den Gemeinden anordnete, die Roma aufzunehmen. In Mähren sah die Lage anders aus: der Großteil der hiesigen Roma hatte sich bereits vor Jahrhunderten niedergelassen, so Jana Horvathova:

Jana Horvathova "Wir wissen nicht genau, warum, aber während die böhmischen Roma in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch das Land zogen, hatten sich die mährischen Roma vor allem in Südmähren niedergelassen. Vielleicht liegt es daran, dass dies eine sehr fruchtbare Gegend ist. Hinzu kam, dass zwei Adelsgeschlechter - die Kounic´ und Liechtensteiner, die Roma seit Ende des 17. Jahrhunderts auf ihrer Herrschaft geduldet haben. Aber das Niederlassen hatte zur Folge, dass sich die Roma hunertprozentig assimilierten, sie unterbrachen den Kontakt zu anderen Roma, haben ihre typische Kleider abgelegt und die Sprache vergessen. Die Toleranz ging also Hand in Hand mit der Assimilierung. Später kamen weitere Familien aus Ungarn, die aber nicht mehr erwünscht waren. Sie haben sich trotzdem auf eigene Faust niedergelassen, was aber immer mit einem Kampf mit der entsprechenden Gemeinde verbunden war. Deshalb entstanden die mährischen Romasiedlungen immer außerhalb des Dorfes."

Im Frühjahr 1940 ließen die deutschen Besatzer ein genaues Verzeichnis aller im Protektorat lebender Roma aufstellen: 6.500 Namen befanden sich auf diesem. Ein weiterer Schritt zur Verfolgung der Roma war die Errichtung der Arbeitslager im Sommer 1940 im südböhmischen Lety und mährischen Hodonin, wo zunächst nur Männer inhaftiert wurden. Dies änderte sich jedoch mit der Zeit, erklärt Jana Horvathova:

Cenek Ruzicka (Foto: Anna Polakova) "Erst ab Sommer 1942, als die Lösung der Rassenfrage offen verfolgt wurde, gab es die so genannten Zigeunerlager in Lety und Hodonin und dort wurden auch Roma, die sich niedergelassen hatten, interniert, und dies wegen geringsten Verstößen. Zuvor waren die Arbeitslager nur für erwachsene Männer gewesen, jetzt wurden ganze Familien inhaftiert. Es stimmt aber, dass in diese Lager vor allem Familien kamen, die irgendeinen, wenn auch noch so kleinen Konflikt mit dem Gesetz hatten. Die anderen - und das war die Mehrheit- blieben in Freiheit und wurden 1943 direkt nach Auschwitz deportiert."

Jeweils 1.300 Roma waren in den beiden Lagern inhaftiert - darunter auch die Eltern von Cenek Ruzicka:

"In Lety waren meine Mutter und mein Vater und jeweils ihre gesamte Familie. Das Lager war ungefähr neun Monate in Betrieb und diente als Transitstation für die anderen KZs wie Auschwitz. Die tschechischen Aufpasser haben sich nicht gerade gut zu den Roma benommen, so dass laut offiziellen Angaben 326 dort gestorben sind. Meine Mutter ist zum Glück nach dem Krieg wiedergekommen, als einzige ihrer Familie - sie hat vier KZs überlebt, auch mein Vater hat überlebt. Kurz nach dem Krieg haben sich meine Mutter und mein Vater kennen gelernt und ich bin ihr erstes Kind."

"Vielleicht wissen Sie, dass kurz nach dem Krieg ein Gesetz über Entschädigungen erlassen wurde - wer aus einem KZ kam, konnte beim Verteidigungsministerium eine entsprechende Bestätigung beantragen. Nur die Roma wussten nichts davon - denen hatte keiner was gesagt. Mein Vater erfuhr dies erst 1971 und ich auch. Seitdem widme ich mich diesen Entschädigungsfragen."

begründet Cenek Ruzicka sein Engagement im Komitee zur Entschädigung von Opfern des Roma-Holocaust. Der Kampf ist noch längst nicht gewonnen, ebenso wie der für ein würdigeres Erinnern an die beiden ehemaligen "Zigeunerlager" in Lety und Hodonin.



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