Memoiren zweier Roma-Frauen
Die Lebensgeschichten von zwei Frauen werden in einem neuen Buch
beschrieben, das das Museum für Roma-Kultur mit Sitz in Brno/Brünn in
diesem Jahr herausgegeben hat. "Memoiren zweier Roma-Frauen"
heißt der Band. Über ihn und seine Autorinnen erfahren Sie mehr Sie im
heutigen Kultursalon. Am Mikrophon sind Markéta Kachlíková und Silja
Schultheis.
Zum ersten Mal getroffen haben sich die beiden Autorinnen erst bei der
Taufe ihres gemeinsamen Buches. Beide Frauen, die 73jährige Karolína
Kozáková aus einer bekannten böhmischen und die 79jährige Elina Machálková
aus einer traditionsreichen mährischen Roma-Familie, waren auf dieselbe
Idee gekommen: sie haben ihre Erfahrungen in Form von Memoiren
aufgeschrieben und dem Museum für Roma-Kultur angeboten. "Das Buch,
das Sie gerade in die Hand nehmen, ist die historisch erste Ausgabe einer
Roma-Autobiographie in Tschechien. Das Museum für Roma-Kultur
veröffentlicht zum ersten Mal Erinnerungserzählungen, die diejenigen, die
sie betreffen, selbst verfasst haben - in diesem Fall zwei Roma-Frauen.
Sie sind gleichzeitig die ersten von unseren Roma, die sich bei uns
gemeldet haben, dass sie so etwas unternommen haben und ihre
Lebenserfahrungen mit anderen teilen wollen." Soweit die Direktorin
des Brünner Museums Jana Horváthová in der Einleitung zum Buch. Jana
Horváthová stellt uns das Buch nun näher vor:
"Es ist ein Doppelbuch und heißt 'Memoiren zweier Roma-Frauen'. Das
erste Buch heißt 'Karolina - Ein Weg durch das Leben im Zigeunerwagen'. Es
ist eine biographische Erinnerung, die von Karolína Kozáková geschrieben
wurde. Ihr ursprünglicher Name Ruzicková deutet darauf hin, dass sie zu
den böhmischen Roma gehört. Das ist eine der beiden Gruppen, die bereits
lange vor dem Zweiten Weltkrieg bei uns lebten und bereits damals in hohem
Maß in die Mehrheitsgesellschaft integriert waren. Die böhmischen Roma
waren Nomaden, sie zogen noch zu Beginn des 2. Weltkriegs in ihren Wagen
durch die Gegend."
"Der Wagen, mit dem wir fuhren, war schön und vor allem leicht. Er
war etwa 2,20 m breit und 3,5 m lang. Hinten war ein großes Bett, an der
Seite ein Schrank, vorne in der linken Ecke eine Kredenz und eine Bank,
rechts ein Ofen - ein weißer Emailofen mit Rosen. Rund um die Platte hatte
er einen etwa fünf Zentimeter breiten Metallrand, den meine Mutter jeden
Tag putzte, damit er blitzt. ... Weiter gab es dort einen kleineren Tisch,
der nach dem Ausziehen einer Platte zum Abwaschen von Geschirr diente. ...
Der Wagen hatte eine Besonderheit - vorne unter dem Dach waren über die
ganze Länge des Wagens Sitze aus rotem Leder, etwa 70 cm breit; im Sommer
konnten dort auch zwei Personen schlafen. Hinten im Wagen war eine
ziemlich große Leiter. Mein Vater hatte dort Heu für Pferde und eine Box
für die Ziege."
So beschreibt Frau Kozáková in ihrem Buch ihr Zuhause. Die Familie zog mit
ihrem Wagen bis 1939 durch die Gegend, als die Nazis dem ein jähes Ende
setzten. Dann ließ sich die Familie in der Nähe von Pribram in
Mittelböhmen nieder:
"Mein Vater war ein Schleifer. Wir sind immer etwa eine Woche an
einem Ort geblieben, bis er dort alles geschliffen hatte. Und die Mutter
war eine Wahrsagerin. Sie holte in den Häusern Messer und Scheren zum
Schleifen ab und dabei sagte sie aus der Hand wahr. Damit haben sie Geld
verdient und konnten das erste, später das zweite Haus kaufen, und noch
später dann auch ein großes Haus in Prag. Sie haben sich ziemlich
emporgearbeitet."
Die zweite Erinnerung heißt 'Elina - die Holomek-Familiensaga'. Sie wurde
von Emilie bzw. Elina Machálková, geborene Holomková geschrieben.
Museumsdirektorin Jana Horváthová:
"Die Autorin gehört in die Gruppe der mährischen Roma, die ebenso
eine historische Gruppe der Roma hierzulande darstellen. Die mährischen
Roma ließen sich seit dem Ende des 17. Jahrhunderts und sehr intensiv seit
Mitte des 19. Jahrhunderts in Mähren nieder. So war es bei der Familie
Holomek, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts in der Mährischen Slowakei,
bei Svatoborice lebte. Frau Machálková wurde also in einer sesshaften
Roma-Familie direkt im Dorf Svatoborice geboren."
Worüber ihr Buch erzählt, sagte uns Elina Machálková selbst:
"Über unsere Familie, man kann sagen von der Geburt meiner Großeltern
an. Ich schreibe über meine Familie, weil ich sie für bedeutend halte.
Eigentlich wollte ursprünglich mein Bruder diese Geschichte
niederschreiben, der jedoch leider vorzeitig verstorben ist. Und so habe
ich versucht, sie zu schreiben, und ich hoffe, dass der Leser erkennt,
dass ich sie von Herzen und so geschrieben habe, wie es sich wirklich
abspielte."
Eigentlich wollte Elina Machálková ihr Buch "Schmerzhafte
Erinnerungen" nennen, ihre Enkelin hat sie jedoch zu dem Titel
"Holomek-Familiensaga" überredet. Schmerzhaft sind besonders
Erinnerungen an die Zeit der Okkupation:
"Wir waren stark verfolgt. Wir haben keine Lebensmittelscheine
bekommen. Wir durften uns nicht weiter als 20 Kilometer von unserer
Gemeinde entfernen. Ich wurde zur Zwangsarbeit in einer Fabrik eingesetzt,
noch bevor ich 14 Jahre alt wurde. Wir haben es aber mit Unterstützung des
Herrn Bürgermeisters und der ganzen Gemeinde überlebt. Sie haben sich sehr
um uns gekümmert."
Ein besonders schwerer Augenblick kam für Elina ein halbes Jahr vor
Kriegsende:
"Im August 1944, als ich 18 Jahre alt war, habe ich eine
Benachrichtigung der Brünner Gestapo erhalten: Ich sollte mich darauf
vorbereiten, dass ich zur Sterilisierung vorgeladen werde. Es stand dort
wörtlich, damit nicht mehr Zigeuner geboren würden, weil sie eine
untergeordnete, sich vor der Arbeit scheuende Rasse seien. Können Sie sich
vorstellen, wie ich mich fühlte? Ich ging damals seit vier Jahren zur
Arbeit. Ich habe geweint und mein künftiger Mann, mit dem ich damals
bereits zusammen war, weinte mit mir. Am nächsten Tag kam ich zur Arbeit
und konnte nicht arbeiten. Der Direktor bestellte mich zu sich und sagte:
Mädchen, jetzt, wo die Deutschen von der russischen Armee bereits
zurückgedrängt werden, jetzt lässt du dich sterilisieren? Versteck dich,
ich werde dich decken. An jenem Tag kam meine Tante zu uns und brachte
mich in der Nacht nach Olomouc zu ihrer Mutter. Sie hat mich im Keller
versteckt. Tief in der Nacht, wenn es dunkel war und alle schliefen, nahm
sie mich kurz zu sich in die Wohnung, wo ich mich aufwärmen konnte. Ich
habe dort eigentlich den Winter verbracht. Ich war dort sechs Monate.
Einmal hat mich dort mein Mann besucht. So wurde ich vor der
Sterilisierung gerettet und deswegen wollte ich viele Kinder haben und
deswegen habe ich auch vier Kinder."
Die beiden Autorinnen stammen aus unterschiedlichen Verhältnissen,
trotzdem haben ihre Schicksale aber viele Berührungspunkte, betont Jana
Horváthová, die Direktorin des Museums für Roma-Kultur:
"Sie sind beide Persönlichkeiten, Familienmütter und große
Autoritäten in ihren Familien, sie haben eine sehr positive
Grundeinstellung zum Leben. Das ist meiner Meinung nach auch einer der
Gründe, warum sie beide so erfolgreich und glücklich sind. Auch die
Motivation, ihre Erinnerungen aufzuschreiben, war bei den beiden Frauen
die gleiche: sie wollten durch ihr eigenes Beispiel anderen Roma helfen,
den Weg in die Mehrheitsgesellschaft zu finden, sie wollten ein Beispiel
geben, wie es möglich ist."
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