Roma-Kultur: Familientradition als Problem?
Das internationale Roma-Kulturfestival "Khamoro" - auf Romani
"Sonne" lockte Ende Mai nicht nur Musikfreunde zu Gipsy Jazz und
traditioneller Roma-Musik nach Prag. Besucher konnten auch Fachseminare
besuchen und mit Experten diskutieren. Die Fragen: Ist Roma-Kultur ein
Benachteiligungsfaktor? Wie soll die junge Roma-Generation mit alten
Traditionen umgehen? Für die Sendereihe "Forum Gesellschaft"
berichtet Daniel Satra.
Roma und vor allem ihre Musik - Gipsy Jazz und Traditionelles. Sie standen
im Mittelpunkt des internationalen Kulturfestivals "Khamoro".
Aber auch Roma und ihre Rolle in der tschechischen Gesellschaft, im
kulturellen und im sozialen Raum Europas waren Thema der Kulturwoche. Ein
Bericht, den Amnesty International kürzlich veröffentlichte warf ein
Schlaglicht auf ihre soziale Stellung in Tschechien: Roma sind weiterhin
diskriminiert. Sie sind überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit
betroffen, Roma-Kinder besuchen in der Mehrzahl Sonderschulen. Themen wie
der soziale Ausschluss der Roma-Community oder die Visionen junger Roma
standen daher auch bei "Khamoro" zur Diskussion. Jelena
Silajdzic, Direktorin des Festivals:
"Es gibt unterschiedliche Vorstellungen darüber, was
Roma-Tradition
bedeutet - in welcher Weise sie die Zukunft der jungen Roma-Generation und
der Roma überhaupt einschränkt oder fördert. Auf den Seminaren kommen
unterschiedliche Theorien und Gedanken dazu zur Sprache."
Eine Expertenrunde stellte sich die Frage nach der Bedeutung der
Roma-Kultur. Welchen Einfluss hat sie auf die soziale Lage der Roma in
Europa. Oder mit den Worten der Expertenrunde: Ist Roma-Kultur ein
Benachteiligungsfaktor? Marek Jakoubek, Anthropologe an der Universität
Pilsen:
"Der Kern der traditionellen Roma-Kultur und damit der größte
Unterschied zur Tradition der Mehrheitsgesellschaft liegt nicht in
Folklore, in Liedern, im Tanz und nicht einmal in der Sprache, sondern in
der sozialen Organisation der traditionellen Roma-Gemeinschaft."
Verwandtschaft und Familie als zentrale Organisationsform im Leben der
Roma stehen nach Jakoubeks Ansicht einer auf Wirtschaft und Politik
ausgerichteten tschechischen Gesellschaft gegenüber. Einer Gesellschaft im
Zeitalter der Moderne, deren Mitglieder individuelle Lebensentwürfe
entwickeln, die sich von Vorstellungen wie Familie und
Generationszusammenhalt gelöst haben. Eine traditionelle Roma-Familie
jedoch, geprägt durch ihren Zusammenhalt, wehre sich gegen die
Emanzipation einzelner Mitglieder.
"Sie stellt sich ausdrücklich gegen die Emanzipation Einzelner,
um
die Familieneinheit zu erhalten. Ein Statusanstieg eines einzelnen
Familienmitgliedes ist von Seiten seiner Verwandten nicht erwünscht. Denn
als indirekte Folge werden oft die solidarischen Beziehungen in der
Familie geschwächt."
Die Familie als kollektives Ganzes, das in vielen Fällen Privateigentum
verbietet, blockiert den sozialen Aufstieg einzelner Roma, so Jakoubeks
These. Zwar sei das solidarische Familienprinzip Garant von Stabilität und
Sicherheit, jedoch könne die Abgeschlossenheit nach Außen oft zur
Armutsfalle werden. In der stecken dann ganze Familien.
Neziri Nedzmedin von der Roma-Union ehemaliger Jugoslawen (URYD)
widerspricht dem tschechische Anthropologen: Zwar spiele Familie im Alltag
der Roma eine wichtige Rolle. Die ungleiche soziale Ausgangslage der Roma
in Europa führt Nedzmedin jedoch auf die politischen Rahmenbedingungen
zurück: Die Politik sei es, die Diskriminierung Vorschub leistet. Damit
teilt Nedzmedin die Ergebnisse von Amnesty International: Tschechien habe
keine ausreichende Kampagne gegen Diskriminierung ins Leben gerufen. Es
fehle an Gesundheitsprogrammen und an Ausbildungsförderung für junge Roma.
Zudem seien Übergriffe tschechischer Polizisten gegen Roma nicht gemäß
internationaler Standards unabhängig und unparteiisch verhandelt worden,
so die Kritik. Viktor Sekyt, im Regierungsamt zuständig für Roma-Fragen:
"Es ist nicht so, dass die Situation der Roma nur auf Grund von
Diskriminierung und Unverständnis der Mehrheitsgesellschaft schlecht ist.
Auf der anderen Seite lässt sich auch nicht sagen, dass nur die
Institution Roma-Familie für die soziale Lage der Roma verantwortlich ist.
An beidem ist ein großes Stück Wahrheit dran."
Zudem fasse Jakoubeks Begriff der Roma-Kultur das Leben in
Roma-Siedlungen, wie sie in der Ostslowakei an Stadträndern vorkommen,
oder in Tschechien als Stadtteil-Ghettos. Roma-Kultur, so betonte Sekyt,
sei kein statischer Zustand, keine determinierte soziale Lage. Viktor
Sekyt:
"Wir sehen dies am Beispiel vieler Roma, die es schaffen ihre
Roma-Kultur mit einer Ausbildung zu verbinden. Jedoch ist dies eine
überaus schwierige Aufgabe. Das gelingt wirklich nur wenigen. Es ist
sicher auch kein Zufall, dass viele Roma, die Zugang zu höherer Bildung
erhalten, zugleich ihre Identität als Roma verlieren."
Es sei keine Ausnahme, dass traditionelle Roma-Familien ihren Kindern eine
weiterführende Schulausbildung verwehren. Laut Sekyt sind es nicht immer
Lehrer, die Sonderschulempfehlungen für Roma-Kinder aussprechen, sondern
auch ihre Eltern. Auch Sekyt beobachtet ein ausgeprägtes
Zusammengehörigkeitsgefühl, eine Familien-Solidarität, in traditionellen
Roma-Familien. Eine Solidarität, die den einzelnen einschränkt, sagt
Sekyt:
"Gerade diese Solidarität kann in manchen Fällen die eigene
Entwicklung behindern. Denn, wenn ich mich um all meine Geschwister
kümmern muss, wenn ich bei jeder Entscheidung auf die Meinung meiner
Eltern und die der älteren Familienmitglieder Rücksicht nehmen muss, kann
meien individuelle Entwicklung damit gebremst werden."
Lalla Weiss, Sinti und Roma-Sprecherin aus den Niederlanden, stellte sich
das Thema der Expertendiskussion als Frage: Ist Roma-Kultur ein
Benachteiligungs-Faktor?
"Ich dachte: Wer stellt sich diese Frage? Sinti und Roma selbst?
Wenn
das der Fall ist, dann lese ich dies nicht als den Titel eines Seminars,
sondern als einen Hilfeschrei. Die Ursache für eine solche Frage liegt in
unseren Erfahrungen, in unserer Vergangenheit und in unserer Geschichte.
Sinti und Roma sind schon über 1000 Jahre in Europa."
Nicht in den gegenwärtigen sozialen Lagen oft am unteren Rand der
Gesellschaft sieht Weiss den Kern des Problems. Für sie ist es die
Geschichte, die Antworten geben kann. Denn Roma leben über 1000 Jahre in
Europa. In einem Europa, dass Roma zuerst gastfreundlich empfangen hatte.
Später - verunglimpft und misstrauisch beäugt - galten Sinti und Roma als
die Spione gegnerischer Armeen. Die Kirche warnte im Mittelalter vor
ihnen: Wahrsager und Naturheiler - alles Gesandte des Teufels. Das Bild,
das Sinti und Roma als so genannte "Zigeuner" zeichnet, entstand
im 18. und 19. Jahrhundert, und gilt für viele bis heute, sagt Weiss.
Schmutzig, faul, unehrlich - "Zigeuner" eben. Die Verfolgung im
Dritten Reich war grausame Folge einer Stigmatisierung, die auf eine lange
Geschichte zurückblickt. Die Benachteiligung von Roma in den europäischen
Gesellschaften, und die Auswirkungen auf ihre sozialen Chancen. Antworten
für dieses Problem, soviel konnte die Expertenrunde zeigen, gibt es viele.
In ihrem Zusammenspiel könnte eine Lösung liegen.
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