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24.11.2017
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Geschichte der Roma auf dem Gebiet der Tschechischen Republik

Die genaue zeitliche Definition der Ankunft der Roma auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik ist nur schwer möglich, da zeitgenössische Chroniken über ihr Auftauchen nichts Konkretes und Klares aussagen. In der Chronik des sogenannten Dalimil erwähnt der Autor im Kapitel "Von den heidnischen Kartasiern" tatarische Kundschafter, die sich nach dem Jahr 1242 in den böhmischen Ländern bewegten und mit Roma verwechselt werden konnten. Einschlägige Forschungen bestätigten diese Annahme jedoch nicht.

Eine weitere Erwähnung über Roma auf tschechischem Territorium stammt vom Ende des 14. Jahrhunderts, als im Hinrichtungsbuch der Herren von Rosenberg die Aussage eines Verurteilten erschien, der als Mitschuldigen einen "schwarzen Zigeuner" bezeichnete. Diese Erwähnung ist wahrscheinlich authentisch, denn tatsächlich gelangten die Roma im 14. Jahrhundert nach Mitteleuropa. Zahlreiche Historiker bezeichnen diese Epoche als "goldenes Zeitalter" der Roma in Europa, als die Roma von Aristokraten empfangen wurden, Schutzbriefe und verschiedene Privilegien bekamen. Ein tatsächlicher Beweis für die Anwesenheit der Roma auf tschechischem Gebiet ist ein Schutzbrief, der am 17. April 1423 auf der Zipser Burg vom römischen Kaiser und böhmischen König Sigismund erteilt wurde. Der Text des Schutzbriefes ist erhalten geblieben und lautete folgendermassen:

Wir, Sigismund, König von Ungarn, Böhmen, Dalmatien, Kroatien ..., Uns hat der treue Ladislav, Führer seines zigeunerischen Volkes, demütig um die Bestätigung unserer besonderen Nachsicht ersucht. Empfangt deshalb sein ehrbares Ansinnen und lehnt diesen Brief nicht ab. In solchem Falle, da Ladislav mit seinen Leuten an irgendeinem Ort unseres Kaiserreichs erscheint, in Stadt oder Dorf, empfehlen wir, ihm Treue zu bezeugen, die Ihr hiermit auch Uns bezeugt. Gewährt ihnen Schutz, damit Ladislav und sein Volk sich unversehrt hinter Euern Mauern aufhalten können. Wenn sich unter seinem Volk jemand betrunkener findet, wenn jemand einen Streit jedwelcher Art hervorruft, wollen Wir und ordnen an, dass nur Ladislav allein, der Fürst, das alleinige Recht hat, Recht zu sprechen, zu bestrafen, Vergebung zu sprechen, ihn aus Eurem Kreis auszuschliessen...

Diesen Schutzbrief nahmen die Roma mit sich bis nach Frankreich, und weil er in Böhmen (La Boheme) und vom böhmischen König (roi de Boheme) verfasst war, bezeichnete das französische Volk die Neuankömmlinge nach dem Land, aus welchem sie kamen, also Les Bohemiens, Bewohner von Böhmen.

Zuerst bemerkte die Kirche, dass die Roma nicht Gottes Diener waren. Sie begann auch mit ihrer Verfolgung, worin sie bald Unterstützung von der weltlichen Macht erhielt, die in den Roma türkische Kundschafter erblickte. Im Jahre 1427 wurden sie vom Pariser Erzbischof exkommuniziert, und die Haltung der Bevölkerung ihnen gegenüber änderte sich radikal. Es begannen vier Jahrhunderte grausamer Diskriminierung. Die Herrscher der einzelnen Länder begannen, Erlasse herauszugeben, in welchen sie die Roma aus ihren Ländern auswiesen. Wurden sie gefangen, drohte ihnen Folter, Verstümmelung und dann die Hinrichtung. Die grösste Verfolgung in Tschechien geschah im Jahre 1697, als die Roma durch ein kaiserliches Dekret als vogelfrei erklärt wurden. Jeder konnte einen Roma erschiessen, erhängen oder ertränken. Die Ermordung von Roma wurde nicht als Verbrechen betrachtet.

Die Verfolgung der Roma am der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit gehört zu den dunkelsten Seiten der europäischen Geschichte. Europa akzeptierte sie praktisch nie, was teilweise in ihrer Andersartigkeit begründet war, teilweise auch dadurch, dass sie ihre Nahrung auf ihren Wanderungen oft durch Diebstahl besorgten, was als Argument für ihre Verfolgung diente. In den ersten Jahrhunderten versuchten sie der Ablehnung durch die Wanderung in neue Gebiete zu entkommen, wo sie noch nicht bekannt waren. Das Leben der Roma war nie einfach, immer gehörten sie zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen und Europa, das sich christlich nannte, verhielt sich ihnen gegenüber nicht sonderlich christlich.

In Mittel- und Südosteuropa herrschte eine etwas andere Situation als in Westeuropa. Die türkische Expansion, die die Grenze des osmanischen Reichs im 16. und 17. Jahrhundert bis zum Gebiet der Südslowakei ausdehnte, schuf eine Situation, wo beide kämpfenden Parteien verschiedene Dienste der lokalen Bevölkerung, darunter auch den Roma, in Anspruch nahmen (ausser Befestigungs- und Bauarbeiten vor allem die Dienste der Schmiede der Roma).

Aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts existieren Nachrichten darüber, dass einige Städte Schmiedefamilien der Roma das Wohnrecht gewährten. Familien begabter Musiker fanden Aufnahme auf den Territorien musikliebender ungarischer Feudalherren. In Ungarn bildete sich damit die Grundlage sesshaften, kontinualen Lebens der Roma-Bevölkerung. Die Verfolgung der Roma in Oesterreich beendete erst Mitte des 18. Jahrhunderts Maria Theresia.

Ihre Erlasse zielten auf die Assimilation des Roma-Ethnikums ab. Die Kaiserin war sich bewusst, dass hinsichtlich des Lebensniveaus zwischen Roma und übriger Bevölkerung enorme Unterschiede bestanden, und bemühte sich deshalb, die Roma an ein Territorium zu binden. Sie verbot das Fahren und den Gebrauch der Roma-Sprache. Sie erlaubte nur amtliche Ehen, zwang sie zu anderer Bekleidung, nahm ihnen die Kinder weg und vertraute sie Familien der übrigen Bevölkerung zur Umerziehung an. Ueber die Situation der Roma in Ungarn zur Regierungszeit von Maria Theresia ist die Schrift Ab Hortise erhalten geblieben, die sehr genau alles beschreibt, was mit den Roma zusammenhing. Dieses zeitgenössische Dokument hat einen interessanten Aussagewert. Die Erlasse von Maria Theresia mögen aus heutiger Perspektive inhuman erscheinen, doch begann sie, die Roma als existierendes Element der Bevölkerung zu behandeln.

In der Zeit von Maria Theresia und Josefs II. wechselte auf unserem Territorium (vor allem aber in der Slowakei) eine grosse Zahl von Roma auf eine halbfahrende Lebensweise oder wurde ganz sesshaft. Sesshaft wurden vor allem Ziegelbrenner, Kesselbauer, Schmiede, Musiker und weitere Handwerker, die die Erlaubnis erhielten, für eine Gemeinde zu arbeiten.

Die Erlasse von Josef II. zielten mehr auf die Bildung der Roma und ihre Konvertierung zum Christentum ab. In dieser Hinsicht eilte dieser Herrscher seiner Zeit voraus. Die Ergebnisse dieses Bemühens manifestierten sich vor allem in Böhmen und Mähren, wo die Roma beinahe an die Bevölkerung assimiliert werden konnten.

Nach dem Ende des 19. Jahrhunderts begannen sich die Unterschiede zwischen Tschechen und Roma zu vergrössern. Schulpflicht und Fabrikarbeit führten zu einer Veränderung der Mentalität der tschechischen Gesellschaft, während die Roma stagnierten. Aus einem Volk geschickter Handwerker und begabter Musiker wurde im Verlauf der Industrialisierung, der sich die Roma nicht schnell genug anpassen konnten, eine sozial zurückgebliebene Bevölkerungsgruppe. Vor dem Ersten Weltkrieg waren praktisch alle erwachsenen Roma Analphabeten, und im Hinblick auf die Diskriminierung, der sie von der "weissen" Bevölkerung ausgesetzt waren, fehlte ihnen auch die Motivation zur Bildung, denn auch gebildete Roma fanden in der Gesellschaft praktisch keine Anerkennung.

Die Erste Republik bemühte sich um die Lösung der "Frage der Zigeuner" im Jahre 1927 mit dem Gesetz über die Fahrenden. In der Praxis bedeutete dies, dass jeder um eine Bewilligung zur Nächtigung ansuchen musste. Das Ziel bestand darin, die Lebensweise der Roma zu "zivilisieren", doch das Gesetz engte die Roma sehr ein und verweigerte ihnen einen Teil der Bürgerrechte, so dass es zum Ausdruck der abweisenden Haltung der damaligen Gesellschaft gegenüber dieser ethnischen Gruppe insgesamt wurde. Das Gesetz blieb während der ganzen Zeit vor dem Münchner Abkommen in Kraft, sowie auch noch einige Zeit nach dem Zerfall der Tschechoslowakei.

Die grösste Tragödie für die Roma war der Zweite Weltkrieg, als sie nach der nazistischen Rassentheorie als minderwertige Rasse galten. Die ehemaligen tschechoslowakischen Roma, die nach diktierten Grenzverschiebungen im Herbst 1938 in den besetzten Grenzgebieten verblieben, teilten das Schicksal mit den Roma in Hitlerdeutschland und Horthy-Ungarn.

Praktisch alle "tschechischen" Roma kamen im Verlauf des 2. Weltkriegs ums Leben. Jedoch diejenigen Roma, die in Böhmen zur Zeit von Maria Theresia sesshaft geworden waren und den Krieg überlebten, wurden zur geistigen Elite mit Hochschulbildung (beispielsweise der in Brünn wohnhafte Karel Holomek aus dem mährischen Geschlecht Holomek).

Im Sudetenland wurden alle Roma schnell auf speziellen Listen erfasst und darauf zusammen mit deutschen Roma ins Zigeunerlager Auschwitz II-Birkenau deportiert. Im Protektorat sollten nach einem Regierungserlass vom 2. März und 28. April 1939 Arbeitslager eingerichtet werden für alle Personen, die älter als 18 Jahre waren, keiner geregelten Arbeit nachgingen und keine geordnete eigene Versorgung nachweisen konnten. Solche Lager wurden in Böhmen in Lety (Bezirk Pisek), in Mähren im Hodonin (Bezirk Blansko) eingerichtet.

In den Jahren 1942 bis 1944 wurden insgesamt 14 Transporte von Roma nach Auschwitz durchgeführt. Die Roma wurden in die zweiten Sektion des Lagers Auschwitz-Birkenau (Brzezinka) verbracht, und das sogenannte Zigeunerlager im siebten Block bedeutete das Ende für praktisch alle tschechischen Roma.

In der Süd- und Ostslowakei waren die Roma der Verfolgung der ungarischen Amtsstellen ausgesetzt, was in die Deportation einzelner Roma ins Konzentrationslager Dachau mündete.

In der Slowakischen Republik, die am 14. März 1939 zum selbständigen, unter dem Schutz des Deutschen Reiches stehenden Staat ausgerufen wurde, verwirklichte das faschistische Regime die Verfolgung in weniger drastischem Masse. Auf Grund der früher vorbereiteten Erlasse der tschechoslowakischen Regierung über die Errichtung von Arbeitslagern wurden in der Slowakei Arbeitslager zur vorübergehenden Konzentration sogenannter Asozialer und Roma eingerichtet. Die slowakischen Roma waren diversen Diskriminierungsmassnahmen ausgesetzt: Sie durften nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln reisen, in Städten und Gemeinden durften sie sich nur an ausgewählten Tagen und zu ausgewählten Stunden aufhalten.

Die Unterdrückung der sogenannten Unordnung der Zigeuner begründeten die Nazisten damit, dass die Roma Straftaten begingen, sich nur schwer an die traditionellen Lebensformen gewöhnten und einer minderwertigen Rasse angehörten, die es auszurotten gelte. Die Absicht der Zigeunerlager des Protektorats bestand darin, die Welsch-Roma und "Asoziale" samt ihren Familienangehörigen zu internieren. Das Zigeunerlager in Auschwitz war auf die Auslöschung der Roma-Bevölkerung insgesamt angelegt. Die Schlussbilanz legt nahe, dass die Unterdrückung der sogenannten Unordnung der Zigeuner in der Terminologie der Faschisten gleichbedeutend war mit fortschreitendem Morden, dessen Ziel die Liquidation der gesamten ethnischen Gruppe der Roma war.

Die Nazisten machten sich an den Roma des Genozids, eines der schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, schuldig. Der Prozess der allmählichen Anpassung an die sie umgebende Gesellschaft und letztlich das Verschmelzen mit ihr, der in der Zwischenkriegszeit eingesetzt hatte, wurde dadurch abgebrochen und die Roma in die früheren Geleise der sozialen Distanzierung und Isolation zurückgeworfen.

Die ursprüngliche tschechische Roma-Bevölkerung wurde fast ganz ermordet. Während vor dem Krieg auf tschechischem Boden rund 8000 Roma-Angehörige wohnten, waren es nach dem Krieg kaum mehr 600. Doch kamen aus Ungarn und Rumänien zahlreiche Roma in die Tschechoslowakei, und weitere Roma, die in Siedlungen in der Ostslowakei wohnten, wanderten in die tschechischen Grenzgebiete ein und wurden als billige Arbeitskräfte in die Industriegebiete Böhmens und Mährens zerstreut. Die Ueberschätzung materieller Faktoren (es wurde nämlich davon ausgegangen, dass sich mit der Verbesserung der materiellen Bedingungen auch die Mentalität und das geistige Leben der Roma ändere) führte aber dazu, dass die unternommenen Anstrengungen nicht die erhofften Resultate erbrachten. Im Gegenteil kam es zur Degradation innerhalb der Roma-Kommunität, denn die gewaltsame Unterbrechung ihres Lebens in Gemeinden und die Versetzung in unbekannte Bedingungen, ohne Respektierung ihrer Spezifika, führte zu einem Zerfall der traditionellen Wertordnung der Roma und zur Störung ihres traditionellen Familienlebens. Das allmähliche Verschwinden traditioneller Erwrbsformen der Roma sowie der Bevölkerungszuwachs führten zu einer Vertiefung ihrer Armut und sozialen Rückständigkeit, und damit zu wachsender Kriminalität.

Im Jahre 1958 wurde ein Gesetz über die dauerhafte Ansiedlung der Fahrenden verabschiedet, das besagte, dass die lokalen Behörden Personen, die eine fahrende Lebensform pflegten, beim Uebergang zu einem sesshaften Leben behilflich sein sollten. In der Praxis führte dieses Gesetz jedoch dazu, dass die Polizei beispielsweise straflos den Wohnwagen die Räder entfernen und den Fahrenden Roma die Pferde wegnehmen konnte, und dass die Roma an Orten sesshaft werden mussten, wo ihnen Arbeit zugeteilt war, unabhängig von ihren familiären Banden.

Im Jahre 1965 wurde weiter ein Gesetz zur Zerstreuung der Zigeunerbevölkerung angenommen, welches besagte, dass die ostslowakischen Roma aus ihren Dörfern nach Böhmen und Mähren wandern mussten. Die Roma gelangten so aus ihren Hütten mit Lehmboden in Wohnungen mit Türen, Warmwasser und Spültoiletten.

Die staatliche Sozialpolitik ging mit den Roma wie mit einer sozial zurückgebliegenen Bevölkerungsgruppe um, und die staatlichen Massnahmen beschränkten sich nur auf verschiedene Formen von Sozialhilfe, die den Roma das Ueberleben ermöglichten und sie in der Haltung bestärkten, sich ganz auf den Staat und nicht eigene Tätigkeit zu verlassen. Diese verschiedenen Formen staatlicher Unterstützung, die die Roma in vielen Bereichen bevorteilten, führten zu Konflikten und Ressentiments in der "weissen" Bevölkerung sowie förderten die Unselbständigkeit der Roma und ihre Unfähigkeit, ihre Situation selbständig zu bewältigen. Damit kaufte sich der Staat ihr Schweigen, denn die Roma beklagten sich nicht, verlangten keine Lösung ihrer unerfreulichen Situation und akzeptierten schweigend die Unterstützung.

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